Gefeierte Premiere im Düsseldorfer FFT Die große Sehnsucht nach Geborgenheit

Düsseldorf · Mit ihrer Cooperativa feierte Maura Morales Premiere ihres neuen Stücks „In-Side Sense“ im FFT. Darin spürt die in Düsseldorf lebende Choreographin dem Fremdsein im eigenen Körper nach.

 Szene aus der Tanz-Performance „In-Side-Sense“ im FFT.

Szene aus der Tanz-Performance „In-Side-Sense“ im FFT.

Foto: Peter van Heesen

Die Bühne ist tief dunkel. An der Rückseite ein stilisiertes Fenster, das den Blick ins Nichts leitet. Nur ein Lichtring beleuchtet noch die Fläche, auf der sich drei Performende in Position bringen. Eine Tänzerin sitzt auf einem Schemel. Die anderen beiden stehen seitlich von ihr, dicht beieinander. Nur ihre Gesichter werden von einem Scheinwerfer angestrahlt. Eine surreale Szene, die zunächst der Stille im Raum nachspürt. Bis eine der beiden stehenden Performenden Worthülsen ausspricht, die von den anderen beiden wiederholt werden – wie bei „Stille Post“. Die Wiederholungen verändern die Worte, machen aus ihnen ein unverständliches,lustiges Kauderwelsch.

Musik setzt ein, eine etwas folklastige Untermalung, die bald von Industrial Sounds abgelöst wird. Die Tanzenden bewegen sich dazu wie in Zeitlupe. Während sich das Duo auf der einen Seite zu immer neuen Figuren zusammenfindet und wieder trennt, bleibt die Tänzerin auf dem Schemel für sich. Mit dem Einsatz der Industrial Sounds werden die Abläufe roboterhaft und die Tanzenden finden in perfekter Synchronizität zu neuen Figuren zusammen. Das Duo lädt die Solistin ein, sich anzuschließen. Die scheint sich nur widerwillig in die Abläufe integrieren zu wollen. Sie wirkt, als fühle sie sich nicht wohl in ihrem eigenen Körper.

Dieses Fremdfühlen ist für Maura Morales das Oberthema ihres neuen Stücks „In-Side Sense“, das frei übersetzt so viel wie „der innere Sinn“ bedeutet. Es beschreibt das Gefühl, des Unwohlseins, des nicht Dazugehörens, des Ausgeliefertseins einer Welt, die voller Gefahren, Unwägbarkeiten und ohne Schutz zu sein scheint.

Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich Maura Morales mit Körperlichkeit. Bereits im März 2023 zeigte die Kubanerin im FFT ihr Stück „Epic Dermis“. Darin spürte die Wahl-Düsseldorferin der Überlebensnotwenigkeit nach, berührt zu werden, und ließ die Performenden das Verhältnis von Zuneigung und Gefahr ausloten. Dabei setzte sie die Haut als größtes Organ in den Mittelpunkt des Geschehens. Für den Menschen als fühlendes, tastendes Wesen, ist die Haut sowohl Schutz als auch Kommunikator.

In ihrer aktuellen Produktion geht Morales einen Schritt zurück und untersucht den Zusammenhang zwischen dem Schutz, den ein Embryo im Mutterleib erfährt, und den Erfahrungen, die es später außerhalb machen wird. Das Ungeborene bekommt schon viel von seiner Außenwelt mit. Eine Geborgenheit, nach der sich die Solotänzerin in „In-Side Sense“ zurücksehnt. Sie will sich nicht mit den Dingen da draußen auseinandersetzen, die ihr Angst machen. Morales spielt auch auf das an, was im allgemeinen Sprachgebrauch gern als der sechste Sinn bezeichnet wird. Der Abläufe intuitiv zu steuern scheint. Etwa in der Interaktion mit anderen Menschen.

Für die Solistin scheint sich jeder Schritt der anderen und jede Geste falsch anzufühlen. Gehört sie dazu oder ist sie der Fremdkörper, der alle aus dem Gleichgewicht bringt? Angetrieben von der Musik Michio Woirgardts, der 2010 gemeinsam mit seiner Partnerin Maura Morales die Cooperativa gründete, finden die Drei zu immer wieder neuen Konstellationen zusammen. Mal bewegen sie sich wie ein Insekt über die Bühne, mal wie Maschinenwesen, um dann wieder wie ein Knäul miteinander zu verschmelzen, bis ihre Dreisamkeit unterbrochen wird. Denn eine neue Protagonistin betritt ihren Raum, den sie bis dahin für sich in Anspruch genommen und erkundet haben. Sie bleibt Solistin, sucht nicht den Kontakt zu den anderen und scheint genau zu wissen, wie sie sich bewegen muss. Sie ist ganz bei sich, eins mit allem um sie herum. Sie verkörpert das Ideal, das die anderen zuvor nicht erreichen konnten.

Bereits im Juli begannen die Proben für „In-Side Sense“ am FFT. Unverzichtbar für die Produktionen der Cooperativa sind die Kostüme, die perfekt sitzen müssen und sie während ihrer kräftezehrenden und bewegungsintensiven Performance nicht einschränken dürfen. Seit geraumer Zeit kooperiert Maura Morales dafür eng mit der Designerin Marion Strehlow. Die beiden verbindet die Faszination für die Arbeit der jeweils anderen.

Info Maura Morales wurde 1973 in Kuba geboren. Dort studierte sie an der Staatlichen Kunsthochschule Camaguey klassisches Ballett, Modern Dance, Choreographie, Schauspiel und Folklore. Morales gründete die Cooperativa 2010 gemeinsam mit ihrem Partner Michio Woirgardt.

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