Martin Mosebach las im Heine-Haus aus seinem Werk "Westend"

Lesung : Martin Mosebach gibt Denkanstöße zu seinem Roman „Westend“

Es kommt nicht oft vor, dass ein Autor im Heine-Haus ein Buch vorstellt, dass er vor 30 Jahren geschrieben hat. Noch dazu eines, das in einer vom Zerfall gezeichneten Nachkriegsstadt spielt. Martin Mosebachs 800-Seiten-Roman „Westend“, 1992 erschienen, liegt jetzt in einer schönen Neuausgabe vor.

Für die Stadt Frankfurt war dies Anlass, eine Serie von Lesungen unter dem Motto „Eine Stadt liest ein Buch“ zu veranstalten. Auch in Düsseldorf bei Müller & Böhm war das Interesse an Mosebachs „Westend“ beachtlich.

Zu Beginn seines Romans erzählt der Autor von Alfred Labonté, einem jungen Frankfurter, der an einem Frühlingstag des Jahres 1950 auf dem Main paddeln geht. Es ist eigentlich nicht das Wetter für eine Kanufahrt, der Himmel ist grau und verhangen. „Wohin soll’s denn gehen?“, fragt der Bootswart. „Wo das Wasser sauber wird“, antwortet Alfred. Der wird kurz darauf ein schwimmendes Paket mit einer Kinderleiche finden: „ein kleiner Moses, dessen Körbchen gesunken war“.

Die biblische Anspielung ist klar, aber im Gespräch mit RP-Kulturchef Lothar Schröder erklärte Mosebach, dass er sich nicht besonders gern an der Exegese seiner Werke beteiligt. Viel lieber spricht er über Freud und Leid, die ihm seine Heimatstadt seit jeher bescheren. Und über die Frage, ob es überhaupt noch richtige Städte gibt. Städte, die uns deren begriffliche Vorstellung sinnlich erfahrbar machen: „Uns ist die Fähigkeit zur Schönheit abhanden gekommen. Irgendwann haben wir vergessen, was eine Stadt ist.“

Unter den vielen Preisen, die Mosebach für seine Bücher erhalten hat, darunter der Büchner-Preis, ist ihm der Heimito-von-Doderer-Preis am liebsten. „Ein grandioser Lehrer im Romanschreiben“, schwärmt er von dem 1896 in Wien geborenen und dort 1966 gestorbenen Autor der „Strudlhofstiege“. Dieses in Wien spielende Buch nennt Mosebach einen „Roman muet“, einen Roman ohne Aussage: „Es mag Sie vielleicht schockieren, aber das Erzähltempo Null ist mein Ideal. Nur so wird der Leser zur Mitwirkung herausgefordert.“ Lothar Schröder bekannte, dass er „Westend“ wegen dessen Umfangs lange ungelesen im Bücherschrank stehen ließ, aber: „Bücher können warten, bis sie wieder entdeckt werden.“

Seine Romane schreibt Martin Mosebach übrigens mit Vorliebe an exotischen Orten. Der Grund: „Ich bin ein arbeitsscheuer Asozialer und muss mich immer zum Schreiben zwingen.“ Im nächsten Jahr, so versprach der Autor bei seinem Besuch im Heine-Haus, werde er mit seinem neuesten Werk wieder nach Düsseldorf kommen.

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