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Maria Schrader liest aus den Schriften Roger Willemsens.

Lesung : „Die U-Bahn zwitschert in den Schienen“

Maria Schrader liest in der Reihe „Zweiklang! Wort und Musik“ aus den Schriften Roger Willemsens. Begleitet wird sie auf dem Klavier und der Violine.

Oft kommt es nicht vor, dass Eckart Schulze-Neuhoff, Leiter des Robert-Schumann-Saals, eine Lesung der Reihe „Zweiklang! Wort und Musik“ so ausführlich einleitet wie bei der Hommage an Roger Willemsen. Es war ihm ein Bedürfnis, seine Erinnerungen an den 2016 verstorbenen Publizisten wachzurufen und eines der beliebtesten Intellektuellen zu gedenken.

Willemsens zwei Auftritte in diesem Saal seien berührend und intensiv gewesen, sagte Schulze-Neuhoff. „Ein Menschenfreund und Menschenfänger im besten Sinne. Ich war beeindruckt von seiner Offenheit und Herzlichkeit, dem fast jungenhaften Charme. Vor allem aber von seiner enormen Bildung auf allen Gebieten, von Hochkultur bis Boulevard.“

Dann gab er die Bühne frei für ein famoses Damen-Trio. Maria Schrader rezitierte, was Willemsen auf seinen Reisen notiert hatte. So scharfsinnig, humorvoll und melancholisch, wie nur er es konnte. Begleitet wurde die Schauspielerin von der Violinistin Franziska Hölscher und der Pianistin Marianna Shirinyan. Die Musikerinnern hatten das Konzept von „Landschaften“ noch gemeinsam mit Willemsen erarbeitet.

Er selbst war schon zu krank, um damit auf die Bühne zu gehen und vertraute sein Vermächtnis Maria Schrader an, mit der er befreundet war. Einfühlsam und mit klarer, warmer Stimme erweckte die Schauspielerin Willemsens Gedanken und Geistesblitze zum Leben. Sie erzählen vom Unterwegs-Sein, wofür ihm schon eine U-Bahn-Fahrt durch Berlin genügt. Nichts entgeht seinem Blick, auch nicht die Schwangere, die ihren Bauch in jeder Kurve justiert. „Die U-Bahn zwitschert in den Schienen“, notierte er.

Meisterhaft konnte der Autor aus Erblicktem Bilder schöpfen. Man taucht mit ihm ein, fühlt und sieht das Gleiche wie er: die Ödnis der Gaststätte mit dem Firlefanz überall, die monumentalen Bauten in osteuropäischen Städten, die Arbeitsnomaden aus der Generation der Entwurzelten, die bunten Badekappen der Senioren im Schwimmbad. Er skizziert Ausflügler auf Rügens Kreidefelsen, Sommerfrischler, die sich mit ungewohnter Verruchtheit dem Meer ausliefern, spießt mit feiner Ironie die Befindlichkeiten der Bayern auf: „Das einzige Volk, das sich wünscht, seinem Klischee ähnlich zu bleiben. Fast erwartet man, dass sie Artenschutz beantragen.“

Auf jede Passage folgt wunderbar abgestimmte Musik von Bach, Bartók, Ravel und Brahms. Bei manchen Stücken fliegen Marianna Shirinyans Finger über die schwarzen und weißen Tasten wie Vögelchen. Im Zusammenspiel mit der virtuosen Geigerin Franziska Hölzer entfaltet sich eine bewundernswerte Harmonie. Das Publikum sitzt da wie gebannt, applaudiert lange und begeistert und geht beseelt nach Hause.