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Mahler-Zyklus in der Düsseldorfer Tonhalle: Acht Pauken und sieben Kontrabässe

Mahler-Zyklus in der Düsseldorfer Tonhalle : Acht Pauken und sieben Kontrabässe

In ganz großer Besetzung fand der Mahler-Zyklus in der Tonhalle zu einem fulminanten Ende.

Natürlich hat man Adam Fischer und die Intendanz der Tonhalle für verrückt erklärt, als sie beschlossen, die Aufführung sämtlicher Mahler-Sinfonien mit je einer Sinfonie Joseph Haydns zu kombinieren. Nun findet der Zyklus mit Mahlers „Sechster“ seinen Abschluss, jener Sinfonie, von der Alban Berg mit Seitenhieb auf Beethovens „Pastorale“ behauptete, es könne nur diese eine Sechste geben. Und wieder reißt es das Tonhalle-Publikum von den Sitzen: Begeisterung nach Haydns „La Passione“, Ovationen nach dem fulminanten Hammerschlag, mit dem Mahler seine „Tragische“ enden lässt. So kann Intendant Michael Becker füglich auf ungemein fruchtbare fünf Jahre für die Düsseldorfer Symphoniker unter ihrem inzwischen regelrecht verehrten Chefdirigenten zurückblicken. Internationale CD-Preise für Mahler 1 und 3 inklusive.

Auch die letzte Folge des Mahler-Zyklus’ ist ausverkauft. Die leeren Plätze am Sonntagmorgen sind der pandemischen Corona-Angst geschuldet, auf die das Konzerthaus erst reagieren will, wenn Direktiven von „höherer Stelle“ erfolgten, wie Becker sich ausdrückt. So kamen ein paar Parkett-Abonnenten in den Genuss, den zweiten Teil vom Rang aus zu erleben, von wo der freie Blick auf das riesig besetzte Orchester einen zusätzlichen Kitzel bietet. Die Seiteneingänge müssen für Mahlers „Sechste“ überbaut werden, damit die riesige Streicherbesetzung (mit sieben Kontrabässen) neben doppelter Harfe, Celesta, acht Körnern, Fünffach-Holz und sieben Schlagwerkern (acht Pauken) auf der Bühne Platz finden.

Ein grandioser Klangapparat, den Mahler in dieser todtraurigen, geradezu verzweifelten Musik bis an die Grenzen des Möglichen ausreizt. Ihm scheint es in diesen ersten Jahren des 20. Jahrhunderts um nichts weniger als die Zerstörung der überkommenen Form der Sinfonie zu gehen. Der Form, die Haydn zur meisterlichen Vollkommenheit brachte, die aber für die Katastrophen des neuen Jahrhunderts nicht mehr taugte. In diesem Sinne darf die Sechste als Beginn der Neuen Musik gelten, wie sie wenige Jahre später von Berg und Schönberg weiterentwickelt wurde als Befreiung von den Hierarchien der Form und Tonalität.

In der Sechsten ist alles noch bezogen auf das, was einst Haydn erfand. Aber die Lust und Notwendigkeit zur Zerstörung all dessen ist unverkennbar. Symbolhaft dürfte Mahler diesen Hammer eingesetzt haben, ein hölzernes Monstrum, das am Schluss der Sinfonie, nach rund 80 Minuten an die Nieren gehender Dramatik, dreimal auf einen Holzklotz herunterkracht, dass es jeden im Saal graust.

Dabei gibt es in dieser Sechsten reichlich auf die Ohren. Große Trommel, Becken, Tamtam, Blech haben pausenlos zu tun, die pulsierende Rasanz der Musik kennt nur wenige Ruhepausen. Dabei drischt Fischer förmlich ins Orchester, reckt die Faust, trampelt mit den Füßen, um im nächsten Moment wieder eine dieser Mahlerschen Klang-Zaubereien mit feiner Geste zu moderieren, in denen das Blech ins Holz überblendet, absurd besetzte Kammermusik ein fulminantes Tutti transzendiert.

Da wiegt die Delikatesse, mit der die famosen Düsseldorfer Symphoniker in Mini-Besetzung auf den Stuhlkanten Haydns 49. Sinfonie musizieren, umso bedeutsamer. Das Unerhörte dieser Musik vermag Fischer über seine Musiker in den Saal zu tragen. Mahler spricht für sich.