„Linda“ von Penelope Skinner hatte Premiere im Schauspielhaus

Theater in Düsseldorf : Das Scheitern einer Alleskönnerin

Tragische Heldin mit komischen Zügen: „Linda“ von Penelope Skinner hatte Premiere im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses. Regie führte Marius von Mayenburg. In der Titelrolle brillierte Claudia Hübbecker.

Linda trägt ihren grünen Glücksanzug, als sie sich aufmacht, den Konzern zu retten. Sie hat als Top-Managerin ein Kosmetikunternehmen viele Jahre lang vorangebracht und steht nun beruflich wie privat vor den Scherben ihres Daseins. Als sie sich für ihre letzte Schlacht rüstet, geht es also um viel mehr als nur den Klassenerhalt einer Karrierefrau. Es geht um die ganze Linda, ihre Biografie, ihre Selbstachtung, ihr Glück. Lange hat sie sich einer unnachgiebigen Umwelt in Teilstücken präsentiert. Hat ihre Kraft kunstfertig in vielerlei Glanznummern zerlegt und darüber ihr Selbst aus den Augen verloren. Mit der Linda, die sie auch ist, kommt sie nicht zurecht. So geht es auch ihren Familie, ihren Kollegen und Widersachern.

Die britische Dramatikerin Penelope Skinner hat „Linda“ erschaffen. Das Stück war jetzt in deutscher Erstaufführung im Kleinen Haus zu sehen. Es beleuchtet weibliche Verhaltensmuster, hat sich also das Studium eines verzweigten Psychogramms auferlegt, woran sich seit der MeToo-Bewegung viele Köche im Kunstbetrieb versuchen. Ein solches Unterfangen birgt Fallstricke, und auch die aktuelle Inszenierung gerät in manchen Hinterhalt.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die 55 Jahre alte Linda Wilde. Die Werbestrategin, Ehefrau und Mutter ist eine Alleskönnerin. Sie organisiert im schicken Businessdress den Haushalt und motiviert ihre Töchter Alice und Bridget, während sie ein Kürbisrisotto zubereitet. Alice wurde in der Schule gemobbt und trägt seitdem ein Stinktierkostüm aus Kunstfell, das die junge Frau, die sie ist, verbirgt. Ihre Schwester Bridget bereitet sich für ein Vorsprechen an der Schauspielschule vor und sucht nach einer geeigneten Männerrolle, weil sie findet, dass Frauenfiguren zu wenig Text haben. Lindas Ehemann Neil, ein Lehrer und zehn Jahre jünger als Linda, singt neuerdings in einer Rockband, was einer jungen hübschen Musikerin ziemlich gut gefällt. Lindas Leben ist kompliziert, aber es läuft. Bis eine neue Kollegin, 25 Jahre alt, ihr den Platz im Unternehmen streitig macht. Linda stellt sich der Attacke und wird zur Umstürzlerin ihrer Welt. „Ich muss Widerstand leisten“, sagt sie.

Claudia Hübbecker spielt die Rolle der Linda, und das macht sie deswegen so fantastisch, weil sie jeden einzelnen emotionalen Befund, den sie auf der Bühne durchlebt, aus der Tiefe psychologischer Verflechtungen hervorholt. Auf diese Weise verwandeln sich Gemütszustände in Geschichten, die, alle zusammengenommen, das Bild einer Frau ergeben, der es nicht wirklich zusetzt, dass ihr „niemand mehr hinterherpfeift“, wenn sie an einer Baustelle vorbeigeht, sondern die damit kämpft, dass sie „nicht verschwindet“. Linda schlägt ihrem Chef eine Kampagne vor, die das Selbstbewusstsein älterer Frauen stärken soll, scheitert jedoch und verliert zunehmend an Ansehen.

Linda ist als tragische Heldin mit komischen Zügen angelegt, weswegen es in der dreistündigen Inszenierung auch einiges zu lachen gibt. Um die komplexe Linda jedoch kreisen Figuren, denen es an Spannkraft fehlt. Abgesehen von der daueraggressiven Alice, der Regisseur Marius von Mayenburg im Verlauf des Abends neue charakterliche Färbungen zugesteht, sind die anderen Darsteller auf den einmal zugewiesenen Typ festgelegt. Vom trägen Ehemann in der Midlife-Crisis bis zur schamlosen Konkurrentin bieten sie, Assistenten gleich, zwar Reibungsfläche, sind jedoch keine Wegweiser auf der Erkundung weiblicher Identität in der Gesellschaft.

Am Ende gibt es Applaus für die Inszenierung und Jubel für Claudia Hübbecker.

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