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Düsseldorf: Kunstvolle Videos aus Alpträumen

Düsseldorf : Kunstvolle Videos aus Alpträumen

Mit einer exklusiven Ausstellung pro Jahr zieht die Sammlerin Julia Stoschek internationale Besucher nach Düsseldorf in ihr Privatmuseum. Diesmal hat sie Video- und Fotoarbeiten mit Installationen zusammengeführt. Christof Schlingensief, Andreas Gursky und Wolfgang Tillmans sind dabei.

Julia Stoschek hat sich etabliert. Nicht nur in Düsseldorf, sondern international genießt die 36-jährige Sammlerin mittlerweile einen so guten Ruf, dass ihr für ein Privatmuseum Arbeiten verkauft werden, für die sonst nur renommierte Häuser den Zuschlag erhalten. "Rehearsal I" ist so ein Fall: Vier Auflagen gibt es von diesem Video. Mit im Raum dazugestellten Stühlen muss es vorgeführt, zwei begleitende Arbeiten müssen in Nebenräumen gezeigt werden. So will es der Künstler Francis Alys, ein Belgier, der in Mexico City lebt. Stoschek hat sich lange um diese Arbeit bemüht, die sie in ihrer Ausstellung "Cities of Gold and Mirrors" zeigt.

Alys' knallroter Käfer verrichtet eine moderne Sisyphusarbeit: In einer trostlosen Dorfschlucht versucht der Fahrer, den wenig befestigten Berg zu erklimmen mit immer neuen Anläufen, der Motor heult auf, die Piste ist zu steil, das Unternehmen von Misserfolg gekrönt. Mehr als Spiel und Kalkül steht hinter der Versuchsanordnung, die den beobachtenden Menschen ausgesprochen unruhig macht (daher die Stühle mit Rollen, auf denen man vor- und zurückfahren kann). Bergauf geht es im Rhythmus einer Blaskapelle, rollt der Wagen rückwärts zum Ausgangspunkt zurück, verziehen die Harmonien. Ein trauriger Hund kreuzt die Piste und oben auf der Kuppe ein mächtiger Chevrolet. Nur der Käfer – der kommt nicht über den Berg. Eine existenzielle Metapher will dieser Film sein, der auf die politische Situation in Mexiko anspielt und auf die wirtschaftliche Diskrepanz zwischen dem armen Land und den reichen USA aufmerksam macht.

Alle Arbeiten der Sammlung Stoschek umkreisen den Menschen in seiner Existenz und im gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Fragen von Maßstäblichkeit im urbanen Raum untersuchen Positionen wie die von Gordon Matta-Clark, Tobias Zielony und Cyprien Gaillard. Zielony hat aus 7000 Einzelbildern eine Animation montiert und zeigt, wie aus am Reißbrett geplanten idealen Häusern mörderische Wohnmaschinen werden. "Le Vele di Scampia" ist ein in den 1960er Jahren errichteter Wohnkomplex, der als Keimzelle der Mafia traurige Berühmtheit erlangte. Das Staccato der Bilder verstärkt die Aussage: Hier keimt das Böse.

Gaillard spürt als Dokumentarist dem Massentourismus nach, der Banalisierung von Kultur. Er hat eine 1970 entstandene Hotelanlage in Cancun zu den Ruinen einer Maya-Tempelanlage gesetzt. Da ist Sprengstoff drin. Nicht weniger im armen Albanien. Adrian Paci platziert 18 arbeitslose Landsleute, junge und alte, auf öffentlichen Treppen. Zu dieser Versammlung der Hoffnungslosen dröhnen die Generatoren – denn Strom gibt es auch nicht. Kunstvoll und voller Poesie baut der Georgier Andro Wekua aus politischen Alpträumen schöne Videobilder. Dass man, wie der Titel sagt, mit Erdbeeren im Mund nicht schlafen gehen soll, bleibt rätselhaft. Man muss sofort an den Film "Tree of Life" denken und erkennt: Video wird immer umfassender, theatralischer, maskenhafter.

Nicht nur Videos, sondern auch Bilder und Plastiken, zum Teil von prominenten Künstlern, zeigt Stoschek in ihrer fünften Jahresausstellung, von Andreas Gursky eine umcodierte Buchseite, von Christof Schlingensief einen "Diana Altar von 2006", den der Aktionskünstler Lady Di widmete. Wolfgang Tillmans steuert die verrückteste Arbeit der Ausstellung bei: Man steht vor "Heartbeat/Armpit, 2003" und staunt. Was wie eine Foto aussieht, ist in Bewegung – in der Achselhöhle unter den Haaren. Da bubbert es. Und es ist diesmal der Herzschlag, der das Sehen taktet.

(RP/rai)