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Herrad Schorn: Kunstvermittlerin mit Herz und Verstand

Herrad Schorn : Kunstvermittlerin mit Herz und Verstand

Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten: Wenn am Dienstag im Londoner Auktionshaus Christies 67 Werke bedeutender Künstler der Gegenwart unter dem Hammer kommen, geht das auf die Arbeit und das Engagement von Herrad Schorn und ihren Kollegen zurück. Die Kunstexpertin arbeitet in der Düsseldorfer Repräsentanz von Christies.

Der krönende Abschluss ihrer Arbeit kommt in schöner Regelmäßigkeit. Am 28. Juni zum nächsten Mal. Dann ist Herrad Schorn in London, um als Spezialistin für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst an den Sommerauktionen im legendären Auktionshaus Christie?s teilzunehmen. Für die in Recklinghausen aufgewachsene Kunsthistorikerin, die seit zehn Jahren für Christie?s in Düsseldorf arbeitet, sorgen die Auktionen auch nach all den Berufsjahren immer noch für eine gute Portion Aufregung und Kribbeln.

"Man fiebert nach wie vor mit seinen Kunden und mit den Sammlern mit", sagt die 53-Jährige. "Und schließlich entscheidet sich bei der Auktion ja auch, wo ein Kunstwerk, das man über Monate begleitet hat, hingeht." Herrad Schorn ist eine große, klassisch gekleidete Frau, die mit sympathischer Direktheit und Bodenständigkeit punktet. Sie ist keine, die um den heißen Brei herum redet. Sie ist eine, die sagt, was sie denkt. Aber das tut sie sehr diskret. Muss sie auch. Schließlich hat sie es zum größten Teil mit sehr vermögenden, gebildeten und kosmopolitischen Kunden zu tun. "Ein Zufall, eine glückliche Fügung", wie sie es nennt, hat sie Ende der 90er Jahre zu Christie?s gebracht. Zuvor arbeitete die gelernte Kunsthistorikerin freiberuflich.

"Museumspädagogik, Erwachsenenbildung, Kunstreisen und Kunstvermittlung", fasst sie zusammen. Bis jemand bei Christie?s auf die Spezialistin aufmerksam wurde. Zunächst ging sie in die Christie?s-Dependance nach Frankfurt, seit 2001 hat sie ihr Büro an der Inselstraße in der nordrhein-westfälischen Repräsentanz des Auktionshauses, in einer noblen Stadtvilla mit Freitreppe, hohen Decken und einer Bibliothek. Sieben Christie?s-Mitarbeiter sind in Düsseldorf beschäftigt, an ihrer Spitze steht Andreas Rumbler, der auch Geschäftsführer von Christie?s Deutschland ist. Herrad Schorn ist sich der Besonderheit ihres Arbeitsplatzes und vor allem ihrer Klientel sehr bewusst.

"Es ist ein absolutes Privileg, an der Privatheit dieser Sammler teilzuhaben", sagt sie - ganz ohne Pathos, der in einem solchen Satz durchaus mitschwingen könnte. Dabei kann Herrad Schorn alles sein: "Sentimental, aber auch ganz nüchtern und geschäftsmäßig", gibt sie zu. Aber genau das ist es wohl, was ihre Klientel an ihr schätzt, vermutet sie. "Authentizität ist für mich das wichtigste." Und sie folgt immer ihren Regeln: "Es geht um Respekt und Niveau. Und die Chemie muss stimmen." Gut die Hälfte des Jahres verbringt die Kunstexpertin nicht in ihrer Wahlheimat Düsseldorf. Gerade war sie noch in Venedig bei der Biennale, danach in Basel, regelmäßig besucht sie ihre Kunden in Deutschland und Österreich und die Auktionen in London, New York, Paris, Mailand oder Amsterdam.

Und nicht immer widmet sie sich dabei nur ihrem "Feld", der zeitgenössischen und der Nachkriegs-Sparte. Im Baseler Kunstmuseum schaute sie sich zuletzt eine Ausstellung mit Gemälden von Konrad Witz an, einem Vorgänger Albrecht Dürers. "Ich halte sehr viel davon, auch den Blick für andere Epochen zu schärfen." In ihrer täglichen Arbeit hat sie es hingegen mehr mit Kunstwerken von Künstlern zu tun, die noch leben oder im wahrsten Sinne noch sehr gegenwärtig sind: Gerhard Richter, Sigmar Polke, Neo Rauch, Georg Baselitz, Andreas Gursky, Thomas Struth, Jörg Immendorff, Joseph Beuys, die Zero-Künstler Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker.

Die Liste ist lang und hat vielfach auch einen direkten Bezug zu Düsseldorf. Herrad Schorns Schwerpunkt ist die deutsche Kunst, und für sie steht fest: "Man ist immer in der Kunst gut, mit der man aufgewachsen ist." Einen Lieblingskünstler würde sie nicht nennen, Steckenpferde hat sie schon. Und die haben durchaus mit ihren eigenen Erfolgen bei Auktionen zu tun. Die Versteigerung einer Skulptur des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida gehört dazu. Im Februar 2008 wurde das von ihr akquirierte Werk von Gerhard Richter "Zwei Liebespaare" für 7,35 Millionen Pfund versteigert. Weltrekord. "Wenn auch nur für ein paar Tage", räumt sie bescheiden ein. So ist das auch im Kunstbetrieb. Ein Weltrekord ist nicht für die Ewigkeit.

Und in dem zunehmend globalisierten Kunstmarkt gilt: Wenn der Künstler einen guten Lauf hat, reißen sich Sammler auf der ganzen Welt um ihn, und er stellt die gerade mit einem seiner Werke erzielten Preise mit seinem nächsten schon ein. "Der Kunstmarkt ist sehr komplex", weiß Herrad Schorn. Künstler versuchen mehr und mehr, ihre Laufbahn zu planen, Marketing und Medienpräsenz werden unausweichliche Zusatzinstrumente für den, der erfolgreich sein will.

"Das romantische Künstlerbild gilt heute nicht mehr", sagt die Expertin. Umso wichtiger ist es, die Sammler und Kunstinteressierten dort abzuholen, wo sie stehen. "Deutschland hat eine sehr große Sammlertradition", sagt sie ehrlich ehrfürchtig. Und dabei klingt das Leitmotiv ihrer Arbeit wieder mit: die Liebe zur Kunst. Sie will keine reine Investment-Beraterin sein, die mit Millionen jongliert und ihren Kunden sagt, wie die Aktien bei diesem oder jenem Künstler gerade stehen. Kunst ist lebendig, Kunst atmet, Kunst lehrt und bildet. Kunst ist Lust und Vergnügen, nicht nur auf dem Papier. Ihr Plädoyer: "Man sollte Kunst immer zuerst mit den Augen und mit dem Herzen sehen." Dabei steht außer Frage, dass mit Kunstobjekten viel Geld verdient und umgesetzt wird. Und dass die meisten Sammler auch exzellent über den Kunstmarkt informiert sind. "Man baut im Laufe der Jahre eine intensive Beziehung zu den Sammlern auf", erzählt Herrad Schorn.

Das geht natürlich nur mit dem entsprechenden Sachverstand. Da sie ihn hat, kann sie ihren Klienten auch schon mal raten, sich von dem ein oder anderen lieb gewonnenen Objekt zu trennen, weil gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Verkauf gekommen ist. "Das ist nicht immer einfach, denn die Bilder haben ja auch in privaten Sammlungen immer eine individuelle Geschichte", sagt sie. "Sie sind häufig echte Lebensbegleiter." Wenn Käufer oder Sammler, die sie betreut, zu den großen Auktionen reisen und sie es wünschen, begleitet sie sie. Manchmal vertritt sie sie auch oder ist mit ihnen am Telefon verbunden. Und da bleibt Nervenkitzel nicht aus. "Man darf sich nicht ablenken lassen, muss immer im Blickkontakt mit dem Auktionator stehen", berichtet sie.

Volle Konzentration ist schon deshalb erforderlich, weil in aller Regel innerhalb von ein bis zwei Minuten der Hammer fällt. "Zuweilen gehr es aber auch spektakulär langsam", erzählt Herrad Schorn und erinnert sich an ein 16-Minuten-Gefecht bei Christie?s in New York im Mai dieses Jahres. "Da ging es die ganze Zeit zwischen Saalbieter und Telefonbieter hin und her." Der Bieterkampf drehte sich um Andy Warhols vierteiliges "Self-Portrait", stellenweise wurde in 100 000er Schritten geboten. Das Siebdruckwerk ging für 38,4 Millionen Dollar weg. Die Preise für die Kunstwerke der kommenden Auktion in London werden nicht in diesen Sphären liegen, aber die Liste der Künstler und Kunstwerke, die Herrad Schorn und ihre Kollegen in aller Welt zusammengetragen haben, lesen sich wie das "Who is Who" der modernen Kunst: Francis Bacon, Damian Hirst, Juan Muñoz und natürlich Andy Warhol. Aber auch deutsche Künstler, und sogar einige aus Düsseldorf sind im Auktionskatalog zu finden.

Andreas Gursky ist unter anderem mit seinem Foto "Fortuna Düsseldorf" vertreten. Mitgeboten werden darf ab 230 000 Euro. Günther Ueckers Nagelbild "Bewegtes Feld II" ist mit einem Startgebot von 290 000 Euro aufgeführt. Fotograf Thomas Struth ist ebenfalls dabei mit seinem aus einer Privatsammlung stammenden Foto "Art Institute of Chicago I". Noch in der vergangenen Woche war dieses Motiv innerhalb der großen Struth-Retrospektive in der Kunstsammlung NRW für die breite Öffentlichkeit zu sehen. Dass wertvolle Bilder nach Auktionen zuweilen in Privatgemächern verschwinden, liegt in der Natur der Sache, meint Herrad Schorn. Vor allem, weil viele der aufgerufenen Werke ja auch aus Privatsammlungen stammen. Trotzdem schlagen bei den Auktionen immer zwei Seelen in ihrer Brust.

"Auf der einen Seite verlassen die Kunstwerke durch die Verkäufe häufig Deutschland, auf der anderen Seite zeigt ja genau das die internationale Stärke unserer Künstler." Am Ende schaffen es Kuratoren weltweit ja auch immer wieder, Kunstwerke aus Privatbesitz für bestimmte Ausstellungen ausgeliehen zu bekommen. Im Übrigen sehr zur Freude von Herrad Schorn, denn die Kunstexpertin ist auch regelmäßige Museumsbesucherin. Nicht nur, weil sie Altbewährtes sehen will. "Nach der Auktion ist vor der Auktion - und wir sind natürlich für unsere Kunden immer auf der Suche, neue Künstler zu entdecken."

(RP)