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Düsseldorf: Kunststücke und leise Sensationen

Düsseldorf : Kunststücke und leise Sensationen

Der bulgarische Pianist Vesselin Stanev trat im Robert-Schumann-Saal auf.

Vesselin Stanev gehört zu der Sorte Pianisten, die ihren Beruf akribisch, konzentriert und freundlich ausüben. Sein Auftritt im Robert-Schumann-Saal gestaltet sich äußerlich unprätentiös: Mit einigen raschen Schritten erreicht der Krauskopf in Hemd und Fliege den Steinway, schenkt dem Publikum noch ein beherztes Lächeln, bevor er sich an die Tasten begibt und die Brille aufsetzt. Wozu, wissen wir nicht. Noten gibt's keine. Vielleicht ist der Bulgare ein visueller Typ. Sein Spiel jedenfalls ist über jeden Zweifel erhaben.

Im Saal herrscht eine eigenartige Atmosphäre. Etliche Besucher scheinen Gruppen anzugehören, die nicht an die Rituale eines klassischen Konzerts gewöhnt sind. Da wechseln auch in vorderen Reihen noch schnell ein paar Leute den Sitzplatz, während Stanev schon mitten in den delikaten Anfangsgründen von Francks "Prélude, Choral et Fugue" zugange ist. Dann bimmelt just in der spannendsten Generalpause ein Handy, noch zwei Mal vor der Pause tun's ihm andere nach. Hier scheppert eine Garderobenmarke aufs Parkett, dort knistern Bonbonpapiere, von Flüstereien und Hustenanfällen nicht zu sprechen. Stanev ficht das nicht an. Er fingert sich mit atemberaubender Sicherheit durch die Klanggebirge, die Franck in Art einer großen Orgelphantasie für Pianisten aufgetürmt hat. Die übergriffigen Choral-Arpeggien, die undurchdringlichen Fugen-Gestrüppe. Fehlerquote gegen Null. Der Reigen der musikalischen Vorspiele setzt sich fort mit Debussys Préludes aus dem ersten Buch. Wunderbare Klanggemälde, die von Segeln im Wind (ganztönig), Kathedralen (im Lichte eines William Turner) oder einem Ragtime tanzenden Puck erzählen. Stanev ist ganz Sachwalter des Komponisten. Das finden - nach dem "Ce qu'a vu le vent d'Ouest" einige Zuhörer so beeindruckend, dass sie klatschen. Auch das lächelt Stanev weg. Bleibt die Frage, ob's an Stanevs Perfektion oder der Atmosphäre im Saal liegt, dass Debussys Musik nicht die Saiten rührt, die das Gemüt für Seligkeit bereithält.

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Chopins 24 Préludes prägt den zweiten Teil des Recitals. Einmal rund um den Quintenzirkel in Dur und Moll erfindet Chopin die allerbizarrsten Stimmungen in Formaten, die von (gefühlt) zehn Sekunden bis zur großen Liedform wie im "Regentropfen-Prélude" reichen. Wieder greift Stanev in seine hochdifferenzierte Farbpalette, kontrastiert Tempi und Dynamiken, dass einem schwindlig werden kann. Mittelstimmen vom Feinsten, Tastenkunststücke en masse, aber nie um der Sensation willen. Stanev ist ein Guter.

(RP)