Kunstsammlung NRW: Karl Ove Knausgard bringt Munch nach Düsseldorf

Kunstsammlung NRW : Knausgård bringt Munch nach Düsseldorf

Der Schriftsteller erklärt vor Beginn der großen Munch-Ausstellung seine Sicht auf das Werk des Malers.

Das Prinzip Knausgård wirkt noch immer. Fünf Jahre nach Abschluss seines gefeierten autobiografischen Projekts, dessen letzter Band „Kämpfen“ vor zwei Jahren in Deutschland erschien, nahm der norwegische Autor Karl Ove Knausgård den Auftrag an, eine Ausstellung mit selten zu sehenden Werken Edvard Munchs zusammenzustellen. Über diese Erfahrung – und seine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem berühmten Landsmann – hat er ein Buch geschrieben: „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Edvard Munch und seine Bilder“ besteht aus drei Essays, die man auch als Fortführung seines autobiografischen Projekts lesen kann. Es hat eine starke Sogwirkung, und der Leser lernt bei der atemlosen Lektüre genauso viel über Munch wie über Knausgård und sich selbst.

Biographien über Edvard Munch gibt es unzählige. Nicht nur in Norwegen glaubt man inzwischen, alles über den 1944 verstorbenen Maler von „Der Schrei“ und sein Werk zu wissen. Diese Annahme gab es allerdings auch über Adolf Hitler, doch in dem Essay „Der Name und die Zahl“, der den Kern des Buchs „Kämpfen“ ausmacht, fördert Karl Ove Knausgård erstaunliche Einsichten über Adolf Hitler und seine Zeit zutage, weil er sich ihm radikal persönlich nähert; so wie sich jeder Mensch den Phänomenen dieser Welt nähert – mit dem Rüstzeug, das er mitbekommen und sich selbst erarbeitet hat.

Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum wir uns heute noch mit dem „unerhört einsamen Mann“ Edvard Munch beschäftigen, legt Knausgård seine Methoden schonungslos offen: Er erzählt von der Literatur, die er liest, protokolliert hoch spannende Gespräche mit anderen Künstlern wie der Malerin Vanessa Baird oder dem Filmregisseur Joachim Trier über Munchs Werk, die das Wesen von Kunst berühren und eine Ahnung der psychischen Verfassung von künstlerisch tätigen Menschen geben. Er lässt an seinen Gedanken, Gefühlen und Unsicherheiten teilhaben – zum Beispiel weil ihm der britische Maler David Hockney nicht auf eine Mail antwortet: „Verzichtete er darauf, mir zu antworten, weil die Bilder so schwach waren? Warum hatte ich keines der Meisterwerke ausgewählt, warum, oh warum diese endlose Reihe von skizzenhaften und nicht aufgeladenen Bildern?“

Doch Knausgård geht es mehr um Erkenntnis als um Bekenntnisse oder Lebensbeichten. Seine Auseinandersetzung mit wenig bekannten Gemälden wie „Kohlacker“ von 1915 oder „Schneelandschaft, Thüringen“ von 1906 lehrt, Kunst neu zu sehen. Er steht dabei in der Tradition des 2017 gestorbenen britischen Kunstkritikers John Berger, den er im Buch erwähnt: Wie Berger in seinem Buch „Sehen“ plädiert der Autor und studierte Kunsthistoriker, sich vom ehrfürchtigen Blick auf „Meisterwerke“ zu lösen, dass es auf die individuellen Perspektive ankommt.

Knausgård schaut so als Stellvertreter des Lesers neu auf Munch, lehrt, sich selbst und seinen Standpunkt kennenzulernen und auszuprobieren. Das macht Lust auf die Ausstellung: Wie hat Knausgård Munch gesehen? Wie werde ich ihn neu sehen? Welche Funken werden aus der Verhandlung dieser Dreiecksbeziehung schlagen?

Info Die Ausstellung „Edvard Munch, gesehen von Karl Ove Knausgård“ ist ab dem 12. Oktober in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen. Karl Ove Knausgårds Buch „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche“ (285 Seiten, 24 Euro) ist ebenso wie seine autobiografischen Romane und die Jahreszeiten-Tetralogie bei Luchterhand erschienen.

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