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Kunsthalle Düsseldorf feiert Sigmar Polke in der Ausstellung "Produktive Bildstörung"

Kunsthalle Düsseldorf feiert Sigmar Polke : Geburtstagsschau für den Bildstörer

Bilder umdeuten, überformen und dekonstruieren. Das konnte Sigmar Polke wie kein zweiter und inspirierte damit viele junge Künster. Der Meister der Dekonstruktion wäre jetzt 80 Jahre alt geworden. Die Kunsthalle widmet ihm eine große Ausstellung.

An Experimentierfreude und Risikobereitschaft, Wissen und Humor nahm es Sigmar Polke (1941–2010) mit jedem Künstler der Gegenwart auf. Das Umdeuten, Überformen und Dekonstruieren von Bildern war seine Stärke, und das zu einer Zeit, als der Einsatz neuer Technologien in den Kinderschuhen steckte. Er liebte die Tarnung, schleuste andererseits Bildfehler ein, amüsierte sich über Fehldrucke in den Tageszeitungen und stellte jede visuelle Hierarchie in Frage. Es versteht sich, dass so ein Teufelskerl Heerscharen von Künstlern aus der jüngeren Generation inspirierte. „Produktive Bildstörung“ nennt die Kunsthalle Düsseldorf ihre Superschau zum 80. Geburtstag des Künstlers, in der auch aktuelle Positionen vertreten sind.

 2003 entstand „Primavera“. Der Betrachter sieht durch das Motiv auf die Rahmenkonstruktion des Bildes.
2003 entstand „Primavera“. Der Betrachter sieht durch das Motiv auf die Rahmenkonstruktion des Bildes. Foto: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Dauerleihgabe der NRW.BANK. © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Tochter Anna Polke begann noch zu seinen Lebzeiten, alte und junge Weggefährten zu interviewen. Sie wartete nicht auf die Regelung des Nachlasses, gehören doch zu den Erben neben ihr und ihrem Bruder Georg auch Polkes zweite Frau Augustina von Nagel. Vielmehr gründete sie 2018 die Anna-Polke-Stiftung und startete mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Mit ihren Kuratorinnen Kathrin Barutzki und Nelly Gawellek stemmte sie die Jubiläumsschau und versprach ursprünglich sogar ein Festival in der Kunstakademie, das wegen Corona allerdings abgeblasen wurde. Es versteht sich, dass das Land und die Kunststiftung NRW bei der Finanzierung behilflich waren, kosten doch einige von Polkes Werken zweistellige Millionen-Summen.

 Sigmar Polke (1941-2010) studierte von 1961 bis 1967 an der Kunstakademie in Düsseldorf.
Sigmar Polke (1941-2010) studierte von 1961 bis 1967 an der Kunstakademie in Düsseldorf. Foto: Wolfgang Morell
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Was es mit seinen Bildstörungen auf sich hat, wird in Werken wie „Amerikanisch-Mexikanische Grenze“ von 1984 deutlich. Er vergrößerte ein Zeitungsfoto und setzte es auf einen neongelb- leuchtenden Untergrund, um anschließend mit dem Pinsel die Fänger und die Gefangenen, die knüppelnde Polizei und die Schattenfiguren der schachmatt geschlagenen Fluchtwilligen im Maschendraht zu verhaken. Da er auf einen Fluchtpunkt im Bild verzichtet, überträgt er die Grenzsituation auf alle Akteure des Bildes.

Im Eingang zum Kinosaal führt diese Schau, die sich stets auch als Sehschule versteht, dem Betrachter vor, wie bei „Flopp“ (1996) eine lächerliche Fehlstelle im Zeitungswald vom Künstler täglich vergrößert wurde, bis zum Schluss im Zentrum eines schwarzweißen Netzes ein weißer Kleks liegt, der eher an ein Brandloch als an eine Pinselspur erinnert. Belustigt darf der Besucher verfolgen, wie der Künstler beim Kopieren ein Blatt mal schneller, mal langsamer aus dem Apparat holt und dabei die Motive verzerrt.

Bei „Primavera“ (2003) hört man den Schalk lachen, hat er doch in einem Nudisten-Magazin einen nackten Mann am Pferdeflug entdeckt und stark vergrößert auf einen Bildträger übertragen, der einerseits aus transparentem Polyestergewebe und andererseits aus bedrucktem Dekostoff besteht. Nun sieht der Betrachter durch den Nackedei hindurch auf die Rahmenkonstruktion des Bildes und auf die weiße Wand, wo die Szene nichts hergibt. Doch als akribischer Handwerker verschmilzt der Künstler die Stoffe, indem er das schwarz-weiße Fotozitat mit Rasterpunkten versieht und beide Stoffe fein säuberlich zusammennäht.

Der Mann, der auf dem Kunstmarkt Triumphe feierte, setzte sich dennoch mit dem Mythos des Künstlergenies auseinander. Dabei tauchen nicht nur da Vinci, Max Ernst und Goya auf, sondern auch seine eigenen destruktiven Kräfte. Goyas Werk von den Katastrophen (Desastres) des Krieges nahm er zunächst mit der analogen Kamera auf, bearbeitete den Negativfilm auf seine Weise mit Pril, Himbeerschnaps und Kaffee, vergrößerte die Abzüge in der Dunkelkammer und machte sich dabei abermals mit Chemikalien ans Werk. Es entstand ein fünf Meter langes Band, das das Motiv des Krieges bis in die Zerstörung des kriegerischen Motivs überführt.

Dieser Mann riskierte alles, hantierte sogar mit Uran, um die bösen Geister auf seine Abzüge zu bannen und die radioaktive Strahlung als Lichtmischung zu benutzen. Hier setzt Raphael Hefti an, der genialste Künstler der jüngeren Generation in der Ausstellung. Der Mann aus Zürich hat nicht nur Fotografie studiert, sondern ist auch ein ausgebildeter Elektroniker. Sein Aha-Erlebnis hatte er bei einem Unfall, indem er beim Hantieren mit pyrotechnischen Fackeln versehentlich eine Explosion auslöste, bei der er nicht nur sein Auto, sondern auch seine Kameraausrüstung zerstörte. So kam er aufs Fotogramm.

Das Ergebnis zeigt er im Kinosaal in meterlangen, fast schon kosmischen Bildern von gewaltiger Faszinationskraft. Fotopapiere hatte er in einer leeren Tiefgarage großformatig zusammengeklebt, anschließend Moossporen über das Papier geschüttet und angezündet., so dass sich die Flamme langsam über dem Papier ausbreitete. Die unzähligen Farben, die normalerweise im Fotopapier eingebettet sind, werden beim Brennprozess herausgekitzelt und erstrahlen nun nach der Fotobelichtung wie Energiebälle im Kosmos.