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Düsseldorf: "Kunst" – brillantes Gastspiel aus Berlin

Düsseldorf : "Kunst" – brillantes Gastspiel aus Berlin

Peter Simonischek, Gerd Wameling und Udo Samel führen im Schauspielhaus vor, wie unterhaltsam Streit sein kann.

Was für ein böses Vergnügen, guten alten Freunden beim Streiten zuzuhören. Was für eine sarkastische Lust zu erleben, wie sie anfangs nur jovial scherzen, sacht sticheln, doch bald schon ihr tiefes Wissen voneinander in gefährliche Waffen verwandeln und einander herausfordern, verunsichern, beleidigen, um zu prüfen, wie weit die Zuneigung reicht. Und wer im Bunde tatsächlich die Macht hat.

Yasmina Reza ist die Königin des subtil-zerstörerischen Machtkampfes zwischen kultivierten Menschen. Den hat sie in "Der Gott des Gemetzels" zelebriert, als sie zwei Ehepaare aufeinander hetzte, die nicht lange brauchen, um die Fassaden der Höflichkeit einzureißen. Mit ebenso großer sadistischer Virtuosität setzt sie in "Kunst" das Machtgefüge zwischen drei Männern unter Druck, zeigt wie sie um Anerkennung ringen — und was Worte anrichten können.

Das Stück zeigt alle Spielarten des abgründigen Humors, von Häme und Ironie bis zu vernichtendem Sarkasmus. Das ist brutal, bestechend perfekt komponiert und wirklich komisch. Ein brillantes Well-made-Play, ätzend wie Galle. Und wenn dann noch drei Schauspielergrößen wie Peter Simonischek, Gerd Wameling und Udo Samel diese unerbittlich wortstreitenden Freunde spielen, dann ist süffisantes Theatervergnügen garantiert.

Das kam an im voll besetzten Schauspielhaus. Noch bevor Udo Samel den ersten Satz gesprochen hatte, gab es bereits Szenenapplaus. Da freute sich ein Publikum, Bühnenstars zu sehen und wurde nicht enttäuscht. Denn jeder der drei Darsteller macht aus seiner Figur einen komplexen Charakter mit eigenen Verwundbarkeiten und Angriffstaktiken. Gerd Wameling ist der agilste von den Dreien. Er spielt den wohlhabenden Serge, der sich ein monochromes Gemälde gekauft hat für etwa 35 000 Euro.

Sein Freund Marc hält das nicht nur für eine Dummheit, er ist tief getroffen davon, dass Serge mit der Moderne geht, sich selbst für Avantgarde hält, sprich — für überlegen. Udo Samel spielt diesen neidischen, verbiesterten Marc mit einer bedrohlichen Verbissenheit, wie er sie auch in "Tage unter" hervorholt. Immer wieder lässt Samel seine Figur beben vor unterdrücktem Zorn, vor Missgunst und Gekränktheit. Marc will der Herrscher der Männerclique sein.

Er gefällt sich als Manipulator. Doch die Frechheit seines Freundes, in Kunstfragen eigenen Maßstäben zu folgen, kratzt an seiner Autorität. Zumal tatsächlich schwer auszumachen ist, ob das weiße Bild, das Serge erstanden hat, nun "weißer Scheiß" ist, wie die Freunde kichernd befinden, oder Kunst, die Kleingeister provoziert und deren Rückständigkeit offenbart. So ist "Kunst" auch eine hübsche Satire auf den Kunstmarkt. Nichts komischer als vermeintliche Kunstkenner, die sich selbst zu ernst nehmen.

Folglich versucht der Dritte im Bunde, Yvan, das Gefecht zwischen seinen Freunden durch Humor zu entschärfen. Er ist der muntere Ausgleicher in dem Trio. Freilich ist seine Versöhnlichkeit erkauft durch eine gewisse Oberflächlichkeit. Yvan nimmt das Gerede über Kunst nicht ernst, weil er ihm auch nur bedingt folgen kann. Beeindruckend wie Simonischek diese Figur zugleich sympathisch und tragisch anlegt, wie präzise er diesen Yvan als heiteren Luftikus spielt, der allerdings so unverwüstlich fröhlich gar nicht ist, denn es mangelt ihm an Selbstvertrauen. Yvan hält sich für einen Hampelmann. Das macht anfällig für Selbstmitleid, und darin versinkt er auch immer wieder.

Es ist eine Wonne, dieses Darsteller-Trio beim Schlagabtausch zu beobachten. Wie im Boxkampf steigert Reza den Schmerzgrad der Verletzungen, die sich die wetteifernden Freunde Runde um Runde zufügen, bis die Männer schließlich vor der Wahl stehen: Kunst oder Freundschaft. Felix Prader hat das vor 18 Jahren im Berliner Renaissance-Theater präzise, temporeich und klar auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung funktioniert noch immer. Natürlich hätte man das Stück auch gern in einer eigenen Produktion des Schauspielhauses gesehen. So waren großartige Darsteller zu Gast, die das Publikum feierte.

(RP)