Düsseldorf : Kunst als Kopfsache

Der Künstler Adi Hoesle hat eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer geschaffen - und lässt Probanden so Bilder malen.

Vielleicht benötigen die Maler demnächst weder Stift noch Pinsel oder Farbe. Vielleicht können sich in Zukunft auch Menschen in bunten Bildern ausdrücken, die gar nicht malen können. Auf jeden Fall hat der Künstler Adi Hoesle eine Schnittstelle zwischen menschlichem Gehirn und Computer geschaffen, die es ermöglicht, Bilder mit dem Gehirn zu malen. "Das Bild fällt aus dem Hirn", dieser Untertitel einer Ausstellung des 58-Jährigen beschreibt eine Vision, wie Kunst sein könnte. Doch schaut man den Menschen zu, die in der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste die Technik ausprobieren, dann fallen die Bilder nicht, sie kriechen eher aus dem Gehirn, manchmal bleiben sie auch dort stecken. Das Malen hat viel mit Konzentration zu tun. Vor allem zu Anfang, wenn der Mensch die neue Technik noch trainieren muss, wenn die Kommunikation zwischen Gehirn und Rechner noch voller Fehler ist.

Adi Hoesles Schnittstelle ist ein Computerbildschirm, der die grundlegenden Werkzeuge der Malerei anbietet: Farben, Strichdicke, Flächen und Formen. Wenn es ein Touchpad wäre, könnte man die Symbole mit dem Finger auswählen, doch das Brain-Computer-Interface (BCI) wird durch die Aktivität des Gehirns über elektrische Impulse gesteuert. Die Freiwilligen tragen eine Kappe, die die Gehirnströme als EEG aufzeichnet. Wenn sie sich richtig auf die Symbole konzentrieren, löst ein kleiner optischer Reiz auf dem Bildschirm eine Veränderung im EEG aus, die der Computer als Signal zum Handeln versteht. Das Malen ist zunächst ein rationaler Prozess verschiedener Auswahlschritte: Form, Größe, Farbverlauf, Farbe und Position. So füllt sich langsam die Leinwand, die in diesem Fall ein Bildschirm ist. Nach einiger Zeit entwickeln manche Testpersonen Routine, ihre Geschichtszüge entspannen sich. Aber das gelingt nicht allen.

"Man muss sich darauf einlassen", sagt Adi Hoesle. Das Malen werde dann zum mentalen Ereignis, das Hoesle als "bewusstes Surfen durch die eigenen Gehirnwindungen" beschreibt. "Das Hirn fängt an, cerebrale Saltos zu vollführen, wie in einer Zirkusarena", sagt der Künstler. So wird der Kopf zum Atelier der Kunst im dritten Jahrtausend. Die Bilder entstehen in einem Fluss direkt aus dem Gehirn, ohne den manchmal hinderlichen Umweg über die Hand eines Künstlers. Es ist die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, die Adi Hoesle reizt. Der Mensch kann selbst entscheiden, wie weit er sich darauf einlassen will. Er kann das BCI rein als Werkzeug benutzen und ein Bild malen, das er sich vorher genau überlegt hat. Oder er lässt sich auf das Experiment ein, welches Bild durch sein Gehirn entsteht. Künstler Hoesle bevorzugt die zweite Variante.

Noch beschränken die Werkzeuge, die der Computer zur Verfügung stellt, die Gehirnmaler auf eine einfache Bildgestaltung. Aber dieses Portfolio könne durch eine Erweiterung der Software schnell größer werden. Hoesle kann sich vorstellen, dass der geübte Anwender durch mehrere Ebenen mit Werkzeugen, Farben und Formen huscht. Seine bisher längste Session mit dem Computer dauerte acht Stunden. Danach sei er nicht erschöpft gewesen, sondern glücklich.

Adi Hoesle hat seine Technik Jörg Immendorff vorgestellt, als dieser schon durch die Auswirkungen der Nervenkrankheit ALS weitgehend bewegungsunfähig war. "Diese Option der Bildgestaltung könnte ganz neue Wege in der Malerei evozieren", sagte der Düsseldorfer Künstler, nicht nur mit Blick auf erkrankte Menschen. Immendorff konnte das BCI nicht mehr ausprobieren, aber Hoesle hat das Gerät gemeinsam mit der Universität Würzburg 20 anderen ALS-Patienten präsentiert. Angela Jansen etwa malt damit, obwohl sie seit mehr als 14 Jahren ihren Körper nicht mehr bewegen kann.

(rai)