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Düsseldorf: Krimi, Kamelle und Konfetti

Düsseldorf : Krimi, Kamelle und Konfetti

Eindringliche Premiere des Live-Hörspiels "Die Fastnachtsbeichte" im Central. Carl Zuckmayer hat uns heute noch etwas zu sagen.

Draußen rast ein Orkan mit fast 100 km/h über Düsseldorf. Die jecken Weiber und ihre krawattenlosen Galants sind des Treibens rund um den Hauptbahnhof fast schon müde. Drinnen im Theater ist aber noch viel los. Sehr viel sogar. Intendant Wilfried Schultz sitzt auf der Brücke des Central, hinten an einem Tisch ist er im Gespräch mit Mitarbeitern. Es sind noch zwei Stunden bis zur Hörspiel-Premiere der "Fastnachtsbeichte", eine halbe Stunde früher beginnt "Heisenberg". Das provisorische Schauspielhaus, das mindestens so viele hassen, wie andere es lieben, füllt sich, die Bar ist umlagert, das Publikum so quergestreift wie die Kostüme der Straßenkarnevalisten. Man sieht Menschen jeder Altersklasse, die man glaubt, schon Jahre nicht mehr im Schauspielhaus angetroffen zu haben.

Chapeau für den Intendanten! Wenn er das hier schafft, den unwirtlichen Ort zur guten Stube des anspruchsvollen Theaters zu machen, dann hofft man darauf, dass ihm das Publikum auch am Gustaf-Gründgens-Platz die Ränge füllen wird. Beide Vorstellungen sind an Weiberfastnacht ausverkauft, die Tage zuvor und die kommenden sieht es nicht viel anders aus. Die Mitarbeiter sind erfreut, einer aus dem Leitungsteam sagt: "Ja, wir kommen gut an, die schlimmen Diskussionen des vergangenen Herbstes sind vergessen, sie haben vielen Menschen Beine gemacht."

So kommen sie auch zu einer Art Vorlesestunde, von der man nicht recht weiß, was einen erwartet. Zuckmayer? Der Autor der Köpenickiade hier als Meistererzähler? Live-Hörspiel mit Musik? Wenn es Bernadette Sonnenbichler einrichtet, dann wird es sicher spannend, denn die Hausregisseurin ("Romeo und Julia") gilt als preisgekrönte Hörspielspezialistin. Szenische Lesung nennt man die Form, die eher selten als Theaterproduktion auf dem Spielplan steht und die von ihr auf der Bühne des Kleinen Hauses im Central bühnenwirksam inszeniert ist: Sieben Frauen und Männer sitzen an einer langen Tafel, links von ihnen hat der Mann am Flügel (Johann Leenders) Platz genommen, der die Bühnenmusik beisteuert.

Die Schauspielerriege spricht in Mikrofone, liest vom Blatt ab, zeigt dabei körperlich keine allzu großen Aktivitäten, mimisch und sprachlich umso mehr. Mit wenigen, aber charakteristischen Kleidungsstücken und sorgfältig ausgesuchten Requisiten auf dem Tisch zaubern sie am Ende ein eindringliches Spiel in den Raum. Gebannt lauscht man der Geschichte, die im Jahr 1913 mit einer Fastnachtsbeichte im Mainzer Dom ihren Anfang nimmt.

Es ist ein Kriminalfall, der tief in die Verstrickungen einer angesehenen Familie führt. Im Dom sackt ein reuiger Sünder tot zusammen, in seinem Rücken steckt ein Dolch mit sizilianischem Monogramm. Die Geschichte nährt sich aus Liebe auf Abwegen, aus dem Leid und den Stigmata von armseligen Existenzen, aus Schuldfragen, Beichtbereitschaft, Rechtsprechung und Sühne. Punkt 20.15 Uhr fliegt der erste Konfettiregen, im Tusch wird angestimmt, was das Stück irgendwie beweisen möchte: "Die Männer sind alle Verbrecher." Später werfen sie Kamelle. Doch bleibt das maßvoll, "Die Fastnachtsbeichte" driftet nie ab in eine Klamotte. Vielmehr berichten die Menschen hinter ihren Masken vom Leid des Herzens, von den Irrwegen, auf die sie ihre Liebessehnsucht führen kann.

Mit unglaublicher Präzision sprechen die Schauspieler den Text ihrer Rollen, mit ausgefeilten Gesten reichern sie die Wortgewalt an. Die Musik liefert leise Tschingderassassa, Walzerseligkeit, Klangmalerei. Cathleen Baumann, Jonas Friedrich Leonhardi, Alexej Lochmann, Thiemo Schwarz, Lou Strenger, Hannah Werth und Lutz Wessel entlarven das zutiefst Menschliche. Und sie tun dies ausnahmslos mit Bravour. Dafür gab es donnernden Applaus.

(RP)