Konzert des Orpheus Chamber Orchestra in Düsseldorf: Es geht auch ohne Dirigenten

Konzert des Orpheus Chamber Orchestra in Düsseldorf : Es geht also auch ohne Dirigenten

In der fast ausverkauften Tonhalle gab es beim ersten Heinersdorff-Meisterkonzert dieser Saison keinen exklusiven Auftritt des Solisten. Der trotz seiner Jugend bereits zu internationalem Ruhm gelangte Jan Lisiecki kam unbemerkt zusammen mit den 34 Mitgliedern des Orpheus Chamber Orchestra aufs Podium, löste sich aus dem Pulk, und erst dann brandete Beifall auf.

Das 1972 in New York gegründete Ensemble, das nie auf dem Podium stimmt, kam schnell zur Sache und bereitete seinem Solisten einen motivierenden Einstieg in das zweite, weitgehend unbekannte Klavierkonzert d-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Die amerikanischen Musiker, die sich auch intensiv in sozialen Bereichen engagieren, sind demokratisch aufgebaut und spielen ohne Dirigent. Hierarchien fehlen völlig, die Mitglieder – Streicher wie Bläser – rotieren innerhalb des Konzertprogramms ständig in allen Positionen. Bei höchstem spieltechnischen Standard ergibt das ein abwechslungsreiches, unmittelbar faszinierendes Klangbild von bestechender Transparenz, das die jeweiligen Stimmführer mit fast unmerklichen Gesten koordinieren.

Niemals vermisste der Zuhörer an diesem Abend einen Dirigenten, vielmehr gerieten sowohl die Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 – die „Italienische“ – von Mendelssohn als auch (als europäische Erstaufführung) ein in den Streicherpassagen an Arvo Pärt gemahnendes Werk der 1981 geborenen amerikanischen Komponistin und Geigerin Jessie Montgomery („Shift, Change, Turn and Variations“) packend, brillant in der Klangentfaltung und vorbildlich präzise.

Doch zurück zum kanadischen Shootingstar Jan Lisiecki, der sich von dieser Spielkultur getragen wusste, die er, wenn er dem Orchester zuhören konnte, mit seinem ganzen Körper miterlebte. Sein kontrolliert jugendlich-überschwängliches, feinsinniges Spiel bei teilweise irrwitzigen, aber niemals gehetzten Tempi gab den beiden Piano-Preziosen sowohl die Frische als auch die einfühlsame Interpretation, derer sie bedürfen. Der zum Zerschmelzen schöne Mittelsatz des 1. Klavierkonzertes g-Moll – weitgehend ein Duettieren mit den tiefen Streichern – zeigte die interpretatorische Reife, die Lisiecki heute schon auszeichnet.

Der Jubel, in den der Solist immer wieder das Orchester mit einbezog, kannte keine Grenzen

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