Josef-Neuberger-Medaille: Jüdische Gemeinde ehrt Frank Schirrmacher

Josef-Neuberger-Medaille: Jüdische Gemeinde ehrt Frank Schirrmacher

Gestern Abend hat die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf den Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher (52), mit der Josef-Neuberger-Medaille geehrt. In seiner Laudatio lobte ihn Salomon Korn als einen Journalisten mit einem "beeindruckenden Gespür für den Puls der Zeit".

Den ersten herzlichen Applaus gab es in der Düsseldorfer Synagoge nach knapp einer Stunde: als Frank Schirrmacher, neuer Träger der Josef-Neuberger-Medaille, in seiner Dankesrede auch auf Günter Grass zu sprechen kam und auf dessen Gedicht "Was gesagt werden muss". Denn Schirrmacher tat, was ein Journalist am besten kann: die Sprache zu betrachten, ihre geheimen Botschaften zu entziffern und ihr schleichendes Gift kenntlich zu machen. Und das ist bei Grass die Umkehrung der Begriffe, das sind die Worte, die einst den Holocaust beschrieben haben und die nun im Poem des Literaturnobelpreisträgers auf Israel angewendet werden. Rollen werden da vertauscht, sagte Schirrmacher in der Feierstunde, und: aus den Opfern werden plötzlich Täter.

Und mit dieser Sprachanalyse — sicherlich geschult auch an Schirrmachers "Freundschaftsgeschichte" zu seinem journalistischen Ziehvater Marcel Reich-Ranicki — tastete sich der Preisträger an gegenwärtige Debatten heran: an die Diskussion um die Legalität religiöser Beschneidungen in Deutschland.

Plötzlich, so Schirrmacher, fühlten sich deutsche Gerichte verantwortlich und zuständig für 2000 Jahre jüdischer Tradition und jüdischen Lebens. Stattdessen hätte sich die Justiz unseres Landes für das Wohl seiner jüdischen Bürger weit besser in den zwölf Jahren der Nazi-Diktatur zuständig fühlen sollen.

Natürlich konnte Schirrmacher nur als Angehöriger einer Generation sprechen, die den Holocaust vom Hörensagen und von Berichten der Überlebenden kennt. Aber er zeigte, wie wichtig es darum in einer Zeit ist, in der die "Generation der Opfer allmählich abtritt", auch auf unsere Sprache zu achten. Denn schließlich ist sie auch eine Form gelenkten Denkens. Auch darum können wir uns, wie Schirrmacher unter großem Beifall der Festgäste sagte, nicht leisten, falsche Worte zu benutzen.

Für die Laudatio auf Schhirrmacher war Salomon Korn nicht allein durch sein Amt als Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland eine gute Wahl. Vielmehr konnte Korn zu Schirrmacher auch als Freund aus vergangenen Frankfurter Tagen sprechen, als man einander gelegentlich zum Mittagessen traf und über Gott und die Welt sprach.

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Darum hat Korn gestern Abend auch keine Grundsatzrede gehalten; lieber sprach er über seine persönlichen Erfahrungen mit dem 52-jährigen Preisträger: über Schirrmachers Sensibilität gegenüber jüdischen Themen, sein Gespür für den Puls der Zeit und über die starken Gesten seiner Loyalität.

Und dies belegte Korn auch mit Schirrmachers unnachgiebig kritischer Haltung zu Walsers umstrittenem Roman "Tod eines Kritikers" wie mit der intensiven Vermittlung in der Walser-Bubis-Debatte des Jahres 1998 über die These von der "Moralkeule Auschwitz".

Auch Frank Schirrmachers Fürsorge für Tosia Reich-Ranicki, die als Ehefrau stets im Schatten des gleichermaßen berühmten wie gefürchteten Literaturkritikers stand, war für Korn bedenkenswert. Denn manchmal bedarf es der stillen Hilfe einer großen und unerschütterlich loyalen Frau, ein Lebenswerk zu ermöglichen.

Wie auch bei den Neubergers. Denn ohne Ilse, so hat es Josef Neuberger oft betont, hätte er all das nicht tun können, was er als seine Pflicht angesehen habe. Vielleicht sollte man daher die Düsseldorfer Medaille nach Josef und Ilse Neuberger benennen, sagte Korn. Auch dies war ein bedenkenswerter Satz am gestrigen Abend.

(RP)
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