Interview mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow im Interview: „Meine erste Gitarre war eine Erweckung“

Eigentlich spricht der Sänger von Tocotronic nicht über sein Privatleben – aber nun singt er davon. In den Songs des neuen Albums „Die Unendlichkeit“. Am 14. Juli ist die Band beim Open Source Festival an der Galopprennbahn in Grafenberg zu erleben.

Zum Interview bittet Dirk von Lowtzow, 47, in die Wohnung seines Bandkollegen Rick McPhail im Hamburger Schanzenviertel. In einem winzigen Raum hinter dem Studio redet der Tocotronic-Sänger über das Album „Die Unendlichkeit“, das mehrfach verblüfft: Zum einen ist es eine musikalische Autobiografie, dazu vereinigt es diverse Stile von Rock über Roxy Music bis zu 80er-Jahre-Gitarrenpop.

Sie haben sich stets geweigert, andere mit Ihrem Privatleben zu belästigen. Warum finden sich nun auf der CD „Die Unendlichkeit“ autobiografische Lieder?

Dirk von Lowtzow Ich habe Wert darauf gelegt, nicht plump-vertraulich daherzukommen. Darum weihte ich unseren Bassisten Jan Müller beizeiten in meinen Plan ein, ein persönliches Album aufnehmen zu wollen. Wie immer hat er meine Texte dann kongenial mit mir zusammen lektoriert. Wir haben nichts um des Erzählens willen erzählt, sondern wahrten Diskretion.

Wenn Sie in „Electric Guitar“ singen: „Ich drücke Pickel vor dem Spiegel aus“, ist das sehr direkt.

Von Lowtzow Dieses Stück spielt ungefähr in der Zeit, als ich zwischen zwölf und 14 war. Also in einer Lebensphase, die weit zurückliegt. Das hat mir die Scheu genommen, die Dinge beim Namen zu nennen. Jedoch hab ich darauf geachtet, nie nostalgisch zu wirken. Bei dieser Platte lag die Herausforderung darin, eine gewisse Distanz zum eigenen Leben zu bewahren und zugleich so offen wie möglich zu sein.

„Electric Guitar“ zeigt auf jeden Fall, wie viel Ihnen Ihre Gitarre als Teenager bedeutet hat.

Von Lowtzow Sie war für mich ein Instrument zur Subjektivierung. Mit ihrer Hilfe konnte ich eine Anti-Persönlichkeit zur Normalo-Welt ausbilden, in der ich nicht mithalten konnte. Ich war als Jugendlicher total unsportlich, mit Fußball hatte ich nichts am Hut. Das machte mich zum Außenseiter. Darunter habe ich sehr gelitten. Ich hätte damals gern dazugehört und hatte nicht die Courage zu sagen: „Ich bin eben anders.“

Haben Sie schon als Junge davon geträumt, Musiker zu werden?

Von Lowtzow Ja. Als ich mit zwölf meine erste Gitarre bekam, war das eine Erweckung. Ich habe sofort angefangen, Songs zu schreiben, statt nach Notenblatt zu üben. Wenn ich mit nacktem Oberkörper mit meiner Gitarre vorm Spiegel stand, malte ich mir aus, ich sei ein Rockstar. Ich stellte Posen nach, die ich mir von David Bowies Plattencovern abgeguckt hatte.

Trotzdem haben Sie nach dem Abitur zunächst Jura studiert.

Von Lowtzow Ich habe mich nie ernsthaft meinem Studium gewidmet. Wegen des Semestertickets und ein paar anderer Dinge musste ich mich für irgendeinen Studiengang einschreiben. Ich entschied mich für Jura. Das war ein guter Zufall. In der Orientierungseinheit lernte ich gleich Jan Müller kennen, der ebenso desorientiert in der Uni rumgestapft ist wie ich. Wir haben noch im selben Jahr mit unserem Schlagzeuger Arne Zank Tocotronic gegründet.

All das passierte nach Ihrem Umzug nach Hamburg, den Sie in dem Lied „1993“ Revue passieren lassen. Waren Sie froh, der „Schwarzwaldhölle“ entflohen zu sein?

Von Lowtzow Offenburg hatte auch seine schönen Seiten: die Natur, die Nähe zum Schwarzwald, meine Eltern. Dennoch wollte ich raus aus der Enge. Ich hatte bereits damals Bands mit Freunden, nur boten sich uns in einer relativ kleinen Stadt wie Offenburg als Musiker kaum Möglichkeiten. Wir konnten vielleicht mal im Jugendzentrum auftreten, weiter als bis Freiburg oder Basel sind wir eigentlich nie gekommen.

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Obendrein wurden Sie auf der Straße angefeindet. Davon erzählen Sie in dem Song „Hey du“.

Von Lowtzow Ich weiß ganz genau, wie es sich anfühlt, als Paradiesvogel in einer Kleinstadt unterwegs zu sein. In Offenburg gibt es eine dieser typisch westdeutschen Fußgängerzonen mit Bänken aus Drahtgeflecht. Dort stolzierte ich extravagant im New-Romantic-Look umher. Ich versuchte zu provozieren und kassierte dafür meist homophobe Beleidigungen. Oft wurde ich als Schwuchtel bezeichnet. Einige bedrohten mich, andere griffen mich sogar an.

So wie Ihnen dürfte es in den 80er Jahren etlichen Jugendlichen in der Provinz ergangen sein.

Von Lowtzow Unser Keyboarder und Gitarrist Rick McPhail ist ja Amerikaner. Er wuchs in Maine auf, wo er es zwischen all den Sportcracks bestimmt noch schwerer hatte. Sie sehen: Obwohl ich auf unserer Platte aus meinem Leben erzähle, können sich Außenstehende mit meinen Geschichten identifizieren. Sie haben etwas Universelles, das die Leute zum Nachdenken anregt.

Und an ihre eigene Flucht in die Großstadt erinnert?

Von Lowtzow Mit Sicherheit. Ich persönlich hielt Hamburg für eine weltoffene Großstadt. Doch bald habe ich erkannt, dass man sich stark auf Cliquen konzentriert. Die Stadt strahlt keine ausgeprägte Willkommenskultur aus.

Immerhin haben Sie zehn Jahre in Hamburg gewohnt.

Von Lowtzow Das waren sehr turbulente Jahre. Ab 1995 sind wir relativ schnell bekannt geworden, wir haben dann extrem viel gearbeitet. Zwischen 1995 und 2002 erschienen sechs Alben, allein in den ersten drei Jahren haben wir vier Platten aufgenommen. Das war eine rauschhafte Zeit – nicht bloß in musikalischer Hinsicht.

Sie wären beinahe Alkoholiker geworden.

Von Lowtzow Vielleicht habe ich mir zu viel abverlangt. Ich steckte in einem Kreislauf aus schreiben, Musik machen, touren. Ansonsten war ich oft allein in meiner Wohnung, ich kam mir isoliert vor und habe getrunken. Mehr als mir guttat.

Was hat Sie aus dieser Misere geholt? Die Liebe? Ihr Umzug nach Berlin? Das Lied „Ausgerechnet du hast mich gerettet“ lässt das offen.

Von Lowtzow Das ist durchaus gewollt. Gerade für eine Autobiografie finde ich solche Doppelbödigkeiten wichtig. Sonst driftet man leicht in Richtung Gossip ab.

Mit Dirk von Lowtzow sprach Dagmar Leischow.

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