Interview mit Street-Art-Künstlern in Düsseldorf: Kunst ohne Zuhause

Interview mit Street-Art-Künstlern : „Wir Künstler haben ja nirgends ein Zuhause“

Die beiden Street-Art-Künstler über Verantwortung, Superstar Banksy und das Desinteresse der Düsseldorfer Museen.

Sadam ist 28, Klaus Klinger 64 Jahre alt. Was sie verbindet, sind ihre Werke, die die beiden Street-Art-Künstler mit Vorliebe im öffentlichen Raum ausstellen.

Herr Klinger, Ihnen wurde kürzlich die Verdienstplakette der Landeshauptstadt verliehen. Sind Sie stolz darauf?

Klinger Äh, nee. Sie ist ja nur aus Blech. Ich habe lange und mit vielen Menschen überlegt, ob ich sie annehmen soll. Es ist ja ein bisschen wenig für 40 Jahre Arbeit. Dann dachte ich jedoch, die Würdigung ist vielleicht ein erster Schritt zur Anerkennung der freien Szene.

Sadam Glückwunsch, Klaus! Allerdings meine ich auch, dass die freie Szene, zu der wir Urban-Art-Künstler ja gehören, deutlich mehr öffentliche Unterstützung verdient.

Urban Art, vor allem Graffiti als ein Teilbereich, galt lange als kriminelle Vereinnahmung fremden Eigentums. Heute ist sie eine angesehene und hochdotierte Kunst. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Sadam Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist gestiegen, was sicher auch daran liegt, dass viele Jugendliche, die mit Graffiti groß wurden, heute Familienväter sind und ihren Kindern vermitteln, Urban Art als das wertzuschätzen, was es ist: eine eigenständige Kunstform.

Klinger Urban Art ist zur weltweit größten künstlerischen Bewegung geworden. Es gibt sie in jedem Land, zehntausende Künstler verbreiten sie. In den vergangenen Jahren ist der Hype-Faktor hinzugekommen und auf dem Kunstmarkt werden sechs- bis siebenstellige Summen für Bilder gezahlt.

Sadam In New York haben Menschen Banksy-Bilder zugeklebt und sie den Touristen nur gegen eine Gebühr gezeigt. Das ist der Wahnsinn. Hier geht es nicht mehr ums Bild, sondern nur um Geld.

Banksy ist Teil solcher Kunstevents.

Klinger Ich finde Banksy trotzdem gut, weil er sich bei allen Aktionen treu bleibt und kritisch zu Phänomenen unserer Zeit Stellung bezieht. Und weil er sich über den Irrsinn im Kunsthandel lustig macht. Der Kunstmarkt ist so dermaßen abgehoben, das bewegt kaum Leute. Spannend ist hingegen, wie viele Menschen sich mittlerweile mit dem öffentlichen Raum beschäftigen und nicht mehr still ertragen wollen, was in ihrer Stadt oder in der Welt passiert.

Sadam, Sie sind 28, träumen Sie manchmal davon, viel Geld zu verdienen und berühmt zu sein?

Sadam Klar, ich würde gern von meiner Kunst leben können. Geht aber nicht. Das Geld reicht für ein paar Schuhe oder neue Dosen zum Sprayen. Trotzdem ist da keine heiße Sehnsucht, alles dafür zu tun, um auf dem Kunstmarkt mitmischen zu können.

Wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?

Sadam Als Bühnenbildmaler.

„Kunstschaffende sollen sich einmischen“ haben Sie, Herr Klinger, einmal gesagt. Finden Sie, dass das in Düsseldorf ausreichend passiert? Die Urban-Art-Szene mit ihrem rebellischen Geist müsste hier theoretisch ganz weit vorn sein.

Klinger Gemessen an der etwas verschlafenen Stadt Düsseldorf ist sie das auch. Ich finde es nur schade, dass die Gruppen hier untereinander in Konkurrenz stehen und so wenig miteinander kommunizieren. Als wir vor fünf Jahren das 40-Grad-Urban-Art-Festival ins Leben riefen, war ein Beweggrund, die Düsseldorfer Künstler zusammenzubringen.

Sadam Wir reden schon miteinander, aber jedes Grüppchen tickt anders.

Herr Klinger, Sie wollen künftig nicht mehr wie bisher die Organisation des Festivals übernehmen. Ist Ihnen das mit 64 zu viel Arbeit?

Klinger Mit meinem Alter hat das nichts zu tun. Aber ich finde, jetzt können sich mal andere engagieren. Warum organisierst Du nicht das Festival, Sadam?
Sadam Das ist sehr aufwändig. Wenn es dafür Geld gibt, vielleicht. Grundsätzlich bin ich jedoch der Meinung, dass Künstler sich mit anderen, nicht-organisatorischen Dingen beschäftigen sollten.
Klinger Das sehe ich anders. Es ist Teil meiner künstlerischen Arbeit, etwas durchzukämpfen. Etwa gegenüber Bürokraten. Das sehe ich nicht getrennt vom eigentlichen Kunstprozess.

Ist die erste Generation der Urban-Art-Künstler idealistischer als die aktuelle Szene?

Klinger Als ich an der Kunstakademie studierte, war die Wandbildmalerei im öffentlichen Raum völlig neu. Wir haben uns als Studenten intensiv mit dem Thema befasst und viel diskutiert. Natürlich sollte jeder Künstler Geld verdienen. Wenn wir jedoch etwas erreichen wollen, müssen wir uns auch da gemeinsam beteiligen, wo eine Aktion über das eigene Kunstwerk hinausweist.

Sadam Ich bin nicht so politisch, würde mich jedoch an wichtigen Aktionen immer beteiligen.

Was sind die großen aktuellen Themen, denen Sie sich widmen wollen?

Klinger Die leerstehenden städtischen Immobilien, zum Beispiel das ehemalige Albrecht-Dürer-Berufskolleg am Fürstenwall. Einst war es Kunstwerk-Schule. Es sollte für die Düsseldorfer erhalten bleiben und nicht an den Meistbietenden verhökert werden. Auch die Unterführung an der Ellerstraße haben wir im Auge. Der Bahnhofsvorplatz wird schick, und der Ausgang Richtung Oberbilk soll so unwirtlich bleiben wie er ist. Das ist nicht in Ordnung. Darüber hinaus sind aber seit Jahren zunehmender Rassismus, zunehmende Armut und Umweltzerstörung Themen, denen wir mit unseren internationalen Projekten etwas entgegensetzen wollen.
Sadam Die Schließung der Off-Räume, wie „damenundherren“ und bald der Brause, ist eine ungute Sache. Wir Urban-Art-Künstler haben ja sowieso nirgends ein Zuhause.

In Berlin gibt es neuerdings ein Urban-Art-Museum. Meinen Sie so etwas?

Sadam Ja, warum nicht.
Klinger Ich habe es mir angesehen und finde es zu traditionell. Die Kunstwerke werden genauso präsentiert wie in jedem herkömmlichen Museum. Das hat mit der Protestform von Urban Art nichts zu tun. Ein fester Ort jedoch, ein leerstehendes Gebäude wäre interessant. Auch eine große Ausstellung in Düsseldorf wäre schön. Wir haben es versucht – beim NRW-Forum und bei der Kunsthalle. Aber dort hat man bis heute kein Interesse gezeigt.

Welche Rolle spielt Düsseldorf in der internationalen Urban-Art-Szene?

Sadam Wir haben hier Werke von Künstlern wie den Brasilianern Os Gêmeos, die nach Banksy und dem Franzosen JR zu den Top Drei gehören und für deren Werke sechsstellige Summen gezahlt werden.
Klinger Düsseldorf ist ein bekannter Ort für Urban Art geworden. Wir haben zum Beispiel die Kiefernstraße. Ich wüsste nicht, dass anderswo ein ganzer Straßenzug von Urban-Art-Künstlern gestaltet wurde.

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