Interview mit Reinhard Pietrowsky über Handysucht und Internetsucht

Interview mit Reinhard Pietrowsky : „Die Trennung vom Handy ist wie Entzug“

Der Psychologe hält einen Vortrag über Handy- und Internetsucht im Haus der Universität.

Reinhard Pietrowsky forscht am Institut für Experimentelle Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität über die übermäßige Nutzung von Handy und Internet. Am Donnerstag, 7. März berichtet er um 19 Uhr im Haus der Universität über seine Arbeit. Der Vortrag ist Teil der Reihe „Forschung im Fokus“.

Inwiefern ist Internet- oder Handygebrauch mit Alkohol oder anderen Drogen vergleichbar?

Pietrowsky Es gibt klare Hinweise, dass man von einer Sucht sprechen kann. Stoffgebundene Süchte, also etwa Alkohol, wirken auf das Gehirn, vor allem durch die Aktivierung des Belohnungssystems. Dazu kann auch übermäßiger Internetgebrauch führen. Letztendlich werden dieselben Belohnungsstrukturen aktiviert. Daher ist es zwingend, von einer Verhaltenssucht zu sprechen.

Ab wann spricht man von einer übermäßigen Nutzung?

Pietrowsky Es gibt keine klare Grenze. Man kann nicht sagen ‚mehr als drei Stunden sind zu viel‘. Letzten Endes sind Zeit und Menge variabel. Entscheidend sind die Konsequenzen. Merkmal einer übermäßigen Nutzung ist, dass Handy oder Internet so in den Mittelpunkt des Lebens gestellt werden, dass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden. Zum Beispiel die Schule, die Arbeit oder soziale Kontakte. Im Job etwa kann die Leistungsfähigkeit nachlassen, wenn man dort etwa zu oft am Handy spielt. Das kann auch direkte negative Konsequenzen haben. Abgesehen davon, dass es in den meisten Fällen gar nicht legal ist.

Wie viele Menschen in Deutschland haben ein gestörtes Verhältnis zum Handy oder zum Internet?

Pietrowsky Es gibt Zahlen, sie sind aber sehr abhängig von der Studie und von der Stichprobe. Die Bandbreite liegt zwischen eins und acht Prozent der Nutzer, bei denen eine Abhängigkeit im klinischen Sinn vorliegt. Wenn man einen Mittelwert nimmt, also vier Prozent, liegt man ganz gut. Für diese Menschen gelten engere Kriterien, wie das Vernachlässigen von anderen Lebensbereichen. Ginge man nach der umgangssprachlichen Definition von Internet- oder Handysucht, sind es sicherlich viel mehr – vielleicht zwischen 30 und 40 Prozent. Dort ist die Nutzung aber nicht wirklich problematisch, weil die eigentlichen Suchtkriterien nicht erfüllt sind. Das ist vielleicht die gute Nachricht.

Und wo liegt die Belohnung beim Handy?

Pietrowsky Man ist immer im Kontakt mit anderen, erwartet ständig eine Nachricht. Es ist ständig eine Erwartungshaltung da, gemocht oder akzeptiert zu sein. Wenn man das Handy wegnimmt, kann ein Entzug eintreten.

Wie sieht dieser Entzug aus – mit Zittern und Schweißausbrüchen, so wie bei anderen Drogen?

Pietrowsky Das wären körperliche Entzugserscheinungen, dafür gibt es beim Handy keine Hinweise. Es gibt aber die psychische Entzugserscheinungen – nämlich ein ganz starker Wunsch, ein Verlangen nach der Droge. Das hat man beim Handygebrauch so wie bei Alkohol oder Rauchen.

Wie therapiert man die übermäßige Nutzung vom Handy oder Internet?

Pietrowsky Wir entwickeln eine App für pathologisches Spielen. Idealerweise sind solche Apps so aufgebaut, dass sie auf Merkmale von Internetspielen zurückgreifen, die sogenannte Gamification. Man holt die Person da ab, wo sie ist. Wenn man die Motivation hat, erreicht man einen neuen Level, wenn man die Therapie beginnt, erreicht man das nächste – und so weiter.

Man bekämpft also die Sucht mit den Mechanismen der Sucht?

Pietrowsky Das ist richtig, das ist ein Aspekt davon. Es soll aber nicht darum gehen, eine neue Sucht zu entwickeln. Sondern darum, die Merkmale dessen, was zur Sucht geführt hat, positiv einzusetzen – um von der Sucht wegzukommen. Das ist vordergründig vielleicht erstmal ein Widerspruch. Aber die Idee dahinter ist, dass man manche Leute dadurch möglicherweise besser erreichen oder begeistern kann.

Wie erleben Sie die Reaktionen auf ihre Befunde in der Öffentlichkeit? Ein Raucher hört nicht gern, wie ungesund eine Zigarette ist. Ist das in Ihrem Feld auch so?

Pietrowsky Wir achten darauf, die Betroffenen nicht zu pathologisieren. Es geht nicht um Schwäche. Es ist verständlich, dass man unter bestimmten Umständen in die Sucht geraten kann. Auch das ist wie bei Alkohol, es kann letztendlich jeder Alkoholiker werden. Man ist nicht krank oder das Internet schlecht. Es ist eine Kombination aus ungünstigen Faktoren. Es ist in der heutigen Zeit gar nicht möglich, das Internet nicht zu nutzen. Es geht darum, dass man Kontrolle über die Nutzung hat, nicht dass man es aufgibt.

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