1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Interview-Buch mit Martin Schläpfer

Einblicke in das Schaffen des Ballettchefs : Buch und Film zu Schläpfers Abschied

In einem anregenden Interview-Band blickt der scheidende Ballettchef auf sein Leben, das er gänzlich der Kunst verschrieben hat.

Es hätte eine Gala geben sollen zum Ende dieser Ära, ein Fest, ein melancholisches Zusammensein mit vielen Weggefährten. Wegen Corona verläuft der Abschied von Martin Schläpfer nun viel stiller, doch kann man dem scheidenden Chef des Ballett am Rhein kurz vor seinem Wechsel nach Wien auf zwei Arten noch einmal nahekommen: Die Rheinoper hat einen aufwendigen Abschiedsfilm gedreht, der bis zum Ende des Sommers auf der Homepage der Bühne kostenfrei zu sehen ist. Außerdem ist ein Gesprächs-Buch erschienen, in dem Martin Schläpfer die Fragen der Fachjournalistin Bettina Trouwborst beantwortet. „Mein Tanz, mein Leben“ (Henschel) führt in neun Kapiteln von Schläpfers Kindheit in der Schweiz über seine Karriere als Tänzer bis zu seiner Arbeit als Choreograf und Ballettchef und fördert anregende Einblicke in Schläpfers Schaffen und seine Weltsicht zutage.

Im Film steht Martin Schläpfer zu Beginn noch einmal vor dem früheren Balletthaus in Niederkassel und erzählt verschmitzt von den beengten Arbeitsbedingungen – Nestwärme habe es dort immerhin gegeben. In weiteren Interviewszenen sitzt Schläpfer vor einer rohen Betonwand im neuen Balletthaus in Bilk und lobt den ruhigen, puren Stil der Architektur, der jedem Choreografen den Freiraum für seine eigene Ästhetik lasse. Schläpfer hat für das Trainingszentrum gekämpft.

Dass von ihm mehr bleiben wird als das mit stilvollem Ernst entworfene Gebäude, macht der Abschiedsfilm auch deutlich: Weggefährten sprechen darin wehmütige Gruß- und Abschiedsworte, in denen aufscheint, wie intensiv Schläpfer als Künstler, aber auch als sensibler, politisch hellwacher Mensch in den beiden Städten Düsseldorf und Duisburg gewirkt hat.

Kulturdezernent Hans-Georg Lohe erinnert sich, wie er Schläpfer für Düsseldorf gewann, Rheinopern-Intendant Christoph Meyer verspricht, Schläpfers Arbeit auch in Wien zu verfolgen und Generalmusikdirektor Axel Kober freut sich schon auf die nächste Zusammenarbeit mit Schläpfer an dessen neuem Wirkungsort. Tänzer kommen zu Wort, Choreografen, Dramaturgen, Musiker – und die Compagnie nimmt tanzend Abschied: Schläpfers Co-Direktor Remus Sucheana hat mit dem Ensemble eigens drei neue Choreografien erarbeitet. Kontrastreiche Stücke sind das geworden zu Musik etwa von John Cage, später von Händel. Sie zeigen, wie vielfältig und doch unverkennbar sich die Tanzsprache der Compagnie unter Schläpfer entwickelt hat. Es ist schade, dass diese feinen, kurzen Arbeiten von Sucheana zum Abschied nicht mehr live vor Publikum zu sehen waren.

Bettina Trouwborst hat Schläpfer für den Interviewband „Mein Tanz, mein Leben“ mit ruhigen, aufmerksamen Fragen biografisch weit zurückgeführt. Schläpfer erzählt von seiner Herkunft, vom Aufwachsen mit älteren Brüdern in der Schweiz, von seinen ersten Schritten als Tänzer, vom Reifen als Mensch. Heute liest sich sein Werdegang als Choreograf mit den großen Stationen Mainz, Düsseldorf, Wien wie eine glatte Karriere. Doch scheint im Interview auf, dass Schläpfer ein Suchender ist, der auch Irrwege beschreiten musste. Und dass er Fehlversuche, Härten, Scheitern annimmt als notwendige Widerstände auf seinem Weg als Mensch und Künstler. Beides ist für ihn nicht zu trennen. Im Gespräch wird deutlich, wie unbedingt und kompromisslos Schläpfer für den Tanz lebt, keine Work-Life-Balance-Grenzen zieht, sondern sich der Kunst ausliefert.

Trouwborst hat neben den biografischen Linien einzelne Schwerpunkte herausgearbeitet, denen man in Schläpfers Werk begegnet. Es geht um den Umgang mit Musik und bildender Kunst, um Politik und Natur, um das Menschsein. Und am Ende auch um Corona, die Pandemie, die Schläpfer diesen leisen Abschied gebracht hat. Der Ballettchef ist Realist genug, um in den wirtschaftlichen Folgen eine Gefahr für die Hochkultur zu sehen. Doch eben auch ein Künstler, der an die Notwendigkeit von künstlerischem Ausdruck glaubt. So endet das Gespräch nicht optimistisch, aber hoffnungsvoll, so wie manche Choreografie von Martin Schläpfer.

„Mein Tanz, mein Leben“ ist ein Gespräch über die Bedeutung von Tanz, über das Selbstverständnis eines Menschen, der mit seinem Denken, seinem Körper, seinem ganzen Dasein Künstler ist, und eine Bilanz des Schaffens von Martin Schläpfer am Rhein. Man hat viele Szenen aus seinen Choreografien wieder vor Augen, Momente, in denen die Darstellung auf der Bühne etwas Wesentliches ausdrückte und unmittelbar zu den Zuschauern sprach. Diese Momente werden bleiben.