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"Instant Composing" bei Kabawil: „Zwischen Instinkt und Intellekt“

Tanz-Workshop in Flingern : Macht euch den Raum gefügig!

Bei einem Tanz-Workshop in Flingern lernen die Teilnehmer „Instant Composing“. Was das ist, erfahren sie dann.

Allein schon die Idee bringt wohl so manchen ins Schwitzen: ein Tanzworkshop bei mehr als 30 Grad. Dazu eine Lehrerin, deren muntere Aufforderung wie Hohn klingt: „Tu, was dir gut tut!“ So gehört und erlebt im tropischen Flingern, in einer Hinterhof-Idylle an der Flurstraße.

Dort wacht der Kabawil über allerhand kulturellem Geschehen. Der zweiköpfige Vogel aus der Maya-Mythologie ist Namensgeber eines 2003 gegründeten Vereins, der Menschen „neue Perspektiven für ihr Leben“ vermitteln will. Hierzu gehört auch ein dreitägiges Bewegungs-Seminar mit dem Titel „Instant Composing“. Zehn Teilnehmer trauen sich die schweißtreibende Tortur in der Sommerhitze zu. Nicht alle sind mit konkreten Zielvorstellungen gekommen. „Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich hier bin“, sagt eine junge Frau lachend bei der Vorstellungsrunde. Sie sei derzeit zu Besuch bei einer Freundin, und die habe sie einfach mitgeschleppt. Andere haben bereits längere Tanzerfahrung, sind dann aber durch Empfehlung auf die besonderen Kabawil-Methoden aufmerksam geworden. Die zwei männlichen Teilnehmer stammen aus dem Iran und sind einfach neugierig auf ungewöhnliche Gruppenerlebnisse. Soll man auf Deutsch oder Englisch weitermachen, fragen die beiden Leiter. Gewünscht wird Deutsch.

Der Kulturwissenschaftler Daniel Rademacher lehrt unter anderem an der Heine-Universität. Er erklärt der neuen Gruppe, wie der Begriff „Instant Composing“ zu verstehen ist. Seine Ausführungen klingen für den Augenblick noch etwas schwammig. Die Körper sollen sich den Raum gefügig machen oder so. Reine Intuition soll zu momenthaften Entscheidungen führen. „Instant Composition ist wie Instant Coffee“, versucht Rademacher den zweifelnden Gesichtern zu vermitteln. „Man schüttet kochendes Wasser über Pulver, und schon hat man ein fertiges Produkt.“ So richtig kommt das noch nicht rüber bei den Teilnehmern, aber jetzt tritt Louisa Rachedi in die Mitte. Die aus Frankreich stammende Tänzerin wird allein mit ihrer ganz besonderen Ausstrahlung diesen Workshop zum Erfolg führen.

Rachedi hat im kanadischen Toronto eine klassische Ballettausbildung absolviert und kam vor elf Jahren als Solistin an die Deutsche Oper am Rhein. Seit kurzem arbeitet sie freiberuflich als Choreographin. Weder die Sommerhitze noch die Theorielastigkeit des Begriffs „Instant Composition“ können dieser wunderbaren Lehrerin ihre Stimmung verderben. Mit strahlendem Lächeln bringt sie die Teilnehmer innerhalb kurzer Zeit zu ungeahnter Dynamik. „Ganz geschmeidig sein, so wie Butter“, lockt sie mit leichtem Akzent. Man beginnt zu verstehen: Amateure reden über Tanz, Profis tun es einfach. Nach einer guten Stunde ist der Raum tatsächlich ein anderer geworden.

Bis dahin lief im Hintergrund Musik: die „Late Night Tales“ des deutschen Komponisten Nils Frahm. Sehr schön, die über 20 wechselnden Stimmungen dieses Albums. Nach kurzer Erfrischungspause geht es am ersten Abend ohne Musik weiter mit dem Thema „Positionen, Räume, Gänge“. An den folgenden Tagen stehen „dramatische Räume“ und „Raum-Übersetzungen“ auf der Agenda. Ob die Teilnehmer sich nicht wünschten, am Ende ein Ergebnis zu erzielen, werden Rademacher und Rachedi gefragt. Also eine getanzte Szenenfolge oder eine kleine Geschichte. Die beiden reagieren ablehnend: „Hier ist der Weg das Ziel. Das Endprodukt dieses Workshops bleibt dem Zufall überlassen. Unser Workshop ist ein Spiel zwischen Instinkt und Intellekt.“

Zumindest der erste Abend unter den vier wachsamen Augen des magischen Kabawil entlässt zehn glückliche Menschen in deren Alltagswelt. In der Maya-Welt galt der Vogel als Symbol für die Gegenwart und die Zukunft, aber auch für das Bündnis zwischen Mensch und Natur oder zwischen Mann und Frau. Im tropischen Flingern weht jetzt ein herrlich kühlender Abendwind.