Inspizientin in Bayreuth: „Ich habe vier Takte des Rheingolds tätowiert“

Inspizientin bei den Bayreuther Festspielen : „Ich habe vier Takte des Rheingolds tätowiert“

Die Inspizientin der Rheinoper über ihre Leidenschaft für Richard Wagner und ihr Engagement bei den Bayreuther Festspielen.

Annegret Frübing ist 1975 geboren und acht Jahre alt, als sie ihren ersten Ring des Nibelungen auf einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher sieht. Damals gibt es die DDR noch, wo sie in der Nähe von Meiningen lebt. Sie macht eine Ausbildung zur Floristin, landet aber doch bei der klassischen Musik. Aktuell ist sie in Bayreuth. Mit Mann und Kind und ein bisschen zum Vergnügen. Denn eigentlich hat die Inspizientin der Rheinoper ja Ferien. Eine ungewöhnliche Liebeserklärung an die Kunst Richard Wagners trägt sie stets bei sich.

Frau Frübing, welche Inszenierung der Bayreuther Festspiele hat Ihnen bisher am besten gefallen?

Annegret Frübing Das kann ich gar nicht sagen, ich sehe hauptsächlich die, für die ich arbeite. Parsifal und Meistersinger zum Beispiel.

Was machen Sie in Bayreuth?

Frübing Ich bin dort wie an der Rheinoper als Inspizientin tätig und verantworte unter anderem die Lichtgebung im Parsifal.

Ein Ferienjob, um den sich viele Menschen reißen.

Frübing Ja, eine Düsseldorfer Kollegin hat mich im März darauf aufmerksam gemacht, dass Bayreuth für die Festspiele  Inspizienten sucht, also habe ich mich beworben – und wurde genommen. Es ist großartig. Die Kollegen sind toll und die Arbeit bereitet mir unglaubliche Freude.

Warum führte Sie Ihr beruflicher Weg dann zunächst in eine andere Richtung?

Frübing Ich habe mich zwar schon immer für Musik und Theater  interessiert, dachte jedoch nie daran, dass ich an einem Theater eine  Chance haben könnte. Das war in der ehemaligen DDR, wo ich  aufgewachsen bin, nicht drin. Man weiß als Zuschauer ja auch nur wenig über die beruflichen Möglichkeiten an einer Oper oder einem Theater. Also habe ich nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung als Floristin begonnen und auch abgeschlossen.

Eine Verlegenheitslösung?

Frübing Nein, ich mag Pflanzen und interessiere mich sehr für sie. Als  Floristin habe ich im Umgang mit Blumen eine Kunstfertigkeit erlernt, die mir bei meiner Arbeit am Theater manchmal  zugute kam. Nach meiner Ausbildung habe ich mein Fachabitur gemacht, weil ich ursprünglich Landschaftsarchitektur studieren wollte und auch damit begonnen habe.  Aber dann kam alles anders. Ich habe damals so manches Seminar sausen lassen, weil zum Beispiel Astrid Varnay in Hannover ihre Autobiographie vorstellte.

Woher kommt Ihre Liebe zur Kunst?

Frübing Meine Eltern sind große Musikliebhaber, auch wenn sie beruflich nichts mit der Oper zu tun haben. Meine Mutter ist Bibliothekarin, mein Vater Einzelhandelskaufmann und hat später im  Landratsamt gearbeitet Er hat in seinem Leben so gut wie alles verkauft, auch Schallplatten. Bei uns zu Hause lief ständig klassische Musik. Wir  hatten keinen Fernseher, aber einen Plattenspieler und ein Radio. Als wir jedoch erfuhren, dass der Jahrhundertring von Patrice Chéreau im  Fernsehen übertragen würde, haben meine Eltern ein kleines Schwarz- Weiß-Gerät gekauft. Auf diesem haben wir uns den kompletten Ring angesehen. Das war 1983.

In dem Alter? Sie waren acht Jahre alt. War Ihnen das nicht fremd und langweilig?

Frübing  Nein, ich fand’ das unglaublich spannend. Meine Eltern haben früher für meine Klasse Fahrten zum Meininger Theater organisiert.  Musik, vor allem klassische, und Theater gehörten in meinem Leben immer dazu.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Kunst zu Ihrem Beruf zu machen? Dazu braucht es doch gewisse Voraussetzungen.

Frübing Freunde haben meine Leidenschaft ernst genommen und mich  darin bestärkt, mich neu zu orientieren. Sie sagten: Geh’ zum Theater  Meiningen. Das habe ich gemacht und mich dort um eine  Praktikumsstelle beworben. Die habe ich auch bekommen, das war  2001. Es war herrlich. Vom ersten Tag an verspürte ich das sichere Gefühl: Jetzt bin ich angekommen. Jetzt passt mein berufliches Leben

Und dann?

Frübing Ging es Schlag auf Schlag. Ich bin in Meiningen vom  Kulissenbau zum Schauspiel und von dort zur Musiktheaterregie gewechselt. In Chemnitz habe ich beim Fliegenden Holländer hospitiert, in Magdeburg bei Herzog Blaubarts Burg und mich parallel um eine Ausbildungsstelle als Regieassistentin beworben, die ich dann mit der Spielzeit 2002/2003 in Trier angetreten habe. In Mainz habe ich dann später u.a Martin Schläpfer kennengelernt und mit der Dramaturgin Annedo Paco gearbeitet. Sie hat mir auch vom Intendantenwechselin Düsseldorf erzählt und ich habe mich dann dort beworben.

So viel Glück auf einmal, kam Ihnen das nicht unheimlich vor?

Frübing Ein bisschen schon, aber ich habe auch wirklich hart dafür gearbeitet. Ich habe quasi im Opernhaus gewohnt.

Warum sind Sie dann von der Musikregie in die Inspizienz gewechselt?

Frübing Eine Regieassistenz an einem Doppelhaus, wie die Rheinoper eines ist, ist ein Fulltime-Job. Als 2014 mein Sohn auf die Welt kam, schien es mir angemessen, mich nach einer Tätigkeit mit einer etwas planbareren Zeitstruktur umzusehen. Da gerade eine Stelle in der Inspizienz frei war, habe ich die Chance genutzt.

Auf diese Weise sind Sie dann auch nach Bayreuth gelangt.

Frübing An mir kommt man nicht wirklich vorbei, wenn es um Wagner geht.

Wieso nicht?

Frübing Anfang der 1990er Jahre sind meine Mutter und ich dem Wagnerverband Weimar beigetreten, 1996 waren wir zum ersten Mal in Bayreuth und danach immer mal wieder. In Düsseldorf bin ich  Inspizientin beim Ring, den Dietrich Hilsdorf inszeniert hat und alle im Haus wissen, dass ich ein kleine Liebeserklärung an diese Musik immer bei mir trage.

Ein Liebeserklärung?

Frübing Ja. Ich habe mir die ersten vier Takte des Rheingold um den rechten Fußknöchel tätowieren lassen. Ich bin großer „ Ring-Fan“ und habe lange überlegt, welches Motiv ich mir tätowieren lasse. Die Auswahl ist ja nicht klein. Sehr gern habe ich auch das Liebesmotiv, mit dem die Götterdämmerung abschließt. Ich habe mich dann für den Beginn der Tetralogie entschieden. Der Urton ist so wundervoll, ich kann das kaum in Worte fassen.

Was haben Ihre Eltern zu Ihrem beruflichen Weg gesagt?

Frübing Sie haben mir von Anfang an großartig zur Seite gestanden und mich finanziell unterstützt, als ich meine Hospitanzen, für die ich kein Geld bekam, absolviert habe. Ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Damals nicht und heute auch nicht. Meine Mutter ist mit nach Bayreuth gereist, um auf meinen Sohn aufzupassen, während ich arbeite. Jetzt ist mein Mann da.

Teilt er Ihre musikalische Vorliebe?

Szene aus „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen. Bei den Aufführungen sitzt Annegret Frübing am Inspizienten-Pult. Foto: dpa/Enrico Nawrath

Frübing Absolut, er hat über 20 Jahre lang als Sänger gearbeitet und unter anderem die Partie des Götterdämmerungs-Siegfried und den Tristan gesungen. Jetzt arbeitet er jedoch an einer Gesamtschule in Neuss als Musik- und Englischlehrer.

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