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Interview: "In der freien Szene entstehen frechere Inszenierungen"

Interview : "In der freien Szene entstehen frechere Inszenierungen"

Wer die wichtigsten Produktionen der deutschsprachigen Off-Theater-Szene sehen möchte, kann sich dem Festival "Impulse" anvertrauen. Von Dienstag an bis zum 10. Juli sind 14 Inszenierungen in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim zu erleben, neun davon laufen im Wettbewerb um drei Preise, die von einer internationalen Jury vergeben werden.

Die deutschsprachige freie Szene ist so vielfältig – wie stellt man da ein Festival-Programm zusammen?

Stromberg Dafür haben wir eine Jury. Allerdings ist die Besetzung dieser Jury natürlich schon eine erste taktische Entscheidung über das Programm. Wir haben in diesem Jahr wieder zwei Künstler berufen, weil die unbestechlich sind, keine falschen Rücksichten nehmen, sondern völlig unverstellt sagen, was ihnen gefällt und was nicht.

Immer mehr städtische Theater arbeiten mit Off-Theatergruppen zusammen. Ist die Unterscheidung noch zeitgemäß?

Stromberg Die Grenzen fließen, aber es ist sicherlich noch ein Unterschied, ob Künstler für ein Stadttheater produzieren oder in der freien Szene. Beim Stadttheater gibt es Intendanten, die Kulturpolitik, Auslastungszahlen, da entsteht immer ein gewisser Druck. Darum ist es für Künstler manchmal gut, in einem finanziell ungeschützten, aber künstlerisch geschützten Raum zu arbeiten. Da entstehen manchmal kreativere, innovativere, frechere Inszenierungen. Allerdings braucht die freie Szene die Zusammenarbeit mit den städtischen Häusern, weil sie wirtschaftlich so schlecht ausgestattet ist.

Viele Off-Theatermacher müssen einem Brotberuf nachgehen – so frei ist die Szene also auch wieder nicht.

Stromberg Ja, man kann in Deutschland von dieser Arbeit nicht leben.

Knüpfen Sie daran eine Forderung?

Stromberg Ich könnte jetzt fordern, dass man Häuser oder Gelder umwidmen sollte. Die Erfahrung lehrt aber, dass Städte ihr Geld lieber einsparen, statt es in neue künstlerische Projekte zu investieren. Theater, die man angreift, werden eher geschlossen, als dass über neue Modelle der Nutzung nachgedacht wird. Das Off-Theater wird also auf absehbare Zeit auf Extra-Gelder etwa von Stiftungen angewiesen sein. In den Städten ist nichts mehr zu holen.

Also ist die Stadttheater-Krise auch eine Off-Theater-Krise?

Stromberg Gibt es eine Stadttheater-Krise?

Wie würden Sie es nennen, wenn renommierte Häuser wie Oberhausen, Wuppertal, Bochum bedroht sind?

Stromberg Schließungsdiskussionen hat es immer gegeben in der Theatergeschichte. Dabei hat sich schon so oft gezeigt, wie wenig es bringt, Häuser mit vielen fest angestellten Mitarbeitern zu schließen. Die müssen die Städte dann woanders unterbringen, sie sparen also wenig, der Prestigeverlust ist enorm. Es kann schon sein, dass wir nicht in jeder Stadt Häuser mit voller Technikausstattung benötigen, vielleicht könnte man das flexibler gestalten und das freiwerdende Geld in die Kunst investieren – nur, daran glaube ich eben nicht. Das fließt dann in den Straßenbau.

Haben Sie für das Festival eine echte Entdeckung gemacht?

Stromberg Ja, zum Beispiel die finnisch-schwedische Produktion "Conte d'Amour" von Institutet und Nya Rampen. Die machen eine Produktion, in der ein Mensch in einen Keller verschleppt wird. Da gibt es natürlich sofort Assoziationen zum Fall Fritzl in Österreich, dazu dauert das Stück knapp drei Stunden, spielt zum Teil hinter einem Gaze-Vorhang, die Darsteller sind nie wirklich zu sehen, sondern werden nur live gefilmt – da kann man ja eigentlich nur einen Alptraum erwarten. Aber man erlebt dann unglaublich kluge Schauspieler und Musiker, die eine Geschichte erzählen ohne Betroffenheitsblödsinn, das hat enorme Fallhöhe. Und man erlebt sehr talentierte Künstler, die bestimmt ihren Weg machen und demnächst den Sprung nach vorne schaffen.

Dorothee Krings führte das Interview.

(RP)