Düsseldorf: Im Atelier von Beuys-Schülerin Beatrix Sassen

Düsseldorf: Im Atelier von Beuys-Schülerin Beatrix Sassen

Mit zwölf Jahren entschied sie sich, Bildhauerin zu werden. Ihr Werk ist in fünf Jahrzehnten immer am Menschen orientiert gewesen.

Man bringt Beatrix Sassen schnell mit Joseph Beuys zusammen. Ihre Figurinen betrachtend, diese winzigen anrührenden Torsi aus Bronze, Untersuchungen des menschlichen Körpers in Miniatur. Oder ihre eindringlichen, präzise gearbeiteten Köpfe, Kinder, Frauen, Industrielle — als Auftragsarbeit. Sie sind plastisch und hintergründig. Sie verbergen die Seele. Zugleich verheißen sie Ewigkeit. "Der Kopf interessiert mich, weil der Mensch mich interessiert", sagt sie.

Dass ihr Lehrer Joseph Beuys, in dessen erster Klasse sie an der Düsseldorfer Kunstakademie Anfang der 1960er-Jahre studierte, einen ihrer frühen Köpfe weiterentwickelte und in sein Werk aufnahm ("Palazzo Regale"), hat vor mehr als zehn Jahren als sogenannter "Kopfstreit" die Gerichte beschäftigt. Noch heute grollt sie leicht angesichts dieses Entscheids für Beuys, den das Gericht damit begründete, dass ihre Urheberschaft bei der Weiterentwicklung durch Beuys nicht mehr präzise nachweisbar war.

Doch Groll ist ihr Ding nicht, dafür hat das Leben ihr zu viele existenzielle Aufgaben gestellt, die sie in ihrer Kunst umkreist, benennt, fügt, umdeutet, löst oder auch auflöst.

Wer Gast bei Beatrix Sassen sein darf, gerät beim Betreten ihres Refugiums vom ersten Schritt an in einen Kunstrausch, zumal, wenn die Sonne die zwischen Blumen und Bäumen liegenden Werke illuminiert. Der riesige Halbkopf aus Aluminium etwa verändert im Verlaufe von einer Stunde seinen Ausdruck, aus der Nähe sieht er wieder anders aus als aus der Ferne. Er wirkt vergeistigt, lichtvoll wie ein Buddha. Kaum jemand wird erkennen, dass die Negativform eines halben Gesichts in Wahrheit das Antlitz der jungen Beatrix Sassen ist.

Dass sie Bildhauerin werden wollte, wusste sie schon mit zwölf, erzählt Sassen, die vaterlos mit zwei Schwestern in Düsseldorf aufwuchs. Die Mutter betrieb eine Damenschneiderei, war eine starke Frau. Leicht chaotisch war der Alltag, wie Sassen ihn als Kind erlebte, gleichzeitig anregend. "Meine Mutter war sehr für die Schönheit zu haben", sagt sie; dass man gemeinsam das Schauspielhaus besuchte und Kunstbändchen studierte. Lehmbruck und Leonardo da Vinci waren ihre Helden. Nach der Realschule wurde Beatrix Sassen 1962 an der Kunstakademie angenommen. Mit 17 Jahren kam sie zu Joseph Beuys, der gerade begann, eine Meisterklasse aufzubauen. Beuys war noch nicht berühmt, er hatte sieben Studenten. Sehr viel Gutes habe sie gelernt bei ihm, der charismatisch und damals schon eitel war. Einen Kernsatz von Beuys behält sie für immer: Wenn du eine Streichholzschachtel zeichnen willst, musst du 14 Tage drin gesessen haben. "Das heißt, man muss die Dinge von innen heraus begreifen, in die Dinge einsteigen", erklärt Sassen, "wesentlich sein." Das habe ihr den künstlerischen Boden bereitet.

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Einige Jahre später nahm sie ihr Studium erneut auf, nachdem sie drei Kinder zur Welt gebracht hatte und andere Dinge als Kunst im Vordergrund gestanden hatten. Jetzt lernte sie bei dem bedeutendsten deutschen Bildhauer der Nachkriegszeit, bei Erwin Heerich. Von Heerich, dessen plastisches Werk immer architektonische Bezüge aufwies, zitiert Sassen einen weiteren Lehrsatz: "Heute sagt man, dass man alles nicht mehr machen kann in der Kunst. Und am nächsten Tag kommt einer und macht es."

Heerich bahnte der Freiheit in der Kunst ihren Weg zu einer Zeit, als Künstler wie Uecker, Mack, Graubner, Polke und Richter ein formenspezifisches Oeuvre schufen. Es gab Kissen, Klötze und Nägel in der Kunst, als Beatrix Sassen ihre klassische Arbeitsweise stringent weiterverfolgte. Sie kann zeichnen und malen, bauen, hauen, entwerfen. Und immer ist die Skulptur ihr größter Ausdruck, selbst wenn sie winzig klein ist. An ihren Lehrer Heerich denkt man, eine Arbeit betrachtend, die auf ihre Kinder hinweist: drei Gesichter — groß, klein, liegend. Schlicht, schön, perfekt.

Sehr früh hat sich Sassen mit der Bildhauerei der Antike befasst, an ihr erfreut. "Die alte Kunst hat etwas, was die neue erst noch beweisen muss. Sie ist immer noch modern." Von ihrer Arbeit kann Beatrix Sassen längst leben, doch nie war Geldverdienen ein Antrieb. Erfreuen will sie die Menschen, berühren, erreichen, beseelen. Sie ist eine starke Frau, nicht interessiert am Schischi der Kunst, am Blendwerk des überhitzten Kunstmarktes.

Bald wird sie 70, sie lebt alleine, stellt sich dem Leben, weiß um Vergänglichkeit und um das Geheimnis des Lebens. Sie schaut auf ihre starken Künstlerhände, mit denen sie die Welt abtastet. Manchmal schmerzen sie. "Solange ich lebe, will ich arbeiten können", sagt sie. Gerade sind es Muschelwesen, Meerarbeiten, feine Köpfe mit Ohrmuscheln etwa und weißen Apparaturen, die an Flügel erinnern. "Aus dem Meer kommen wir und gehen wieder hin." Typisch nach Beatrix Sassen klingt das. Schicksalshaft.

(RP)