Düsseldorf: Ich und aufhören?

Düsseldorf: Ich und aufhören?

Der Schriftsteller Martin Walser las im Central aus seinem neuen Roman. Unzufrieden schien er allerdings mit dem Moderator des Abends.

Martin Walser ist der Rolling Stone vom Bodensee. Wie ein Popstar füllt der Schriftsteller mit seinen 90 Jahren noch mühelos die Säle. Auch das Große Haus im Central, wo jetzt sein neuester Roman als Veranstaltung des Heine-Hauses vorgestellt wurde: "Statt etwas oder Der letzte Rank". In der Tat muss man "neuester" sagen, nicht "neuer", denn mit wachsendem Alter dieses Autors erhöht sich der Takt von Buch zu Buch. Natürlich bleibt da auf der Lesereise die Frage nicht aus, ob dieses jetzt wohl das letzte sei: "Das ist doch schon vor zwei Monaten erschienen. Was glauben Sie, wie ich mich seitdem beschäftige?"

Dem obligatorischen Geburtstagsstrauß konnte er nicht ausweichen, doch weiter wollte er an dem Düsseldorfer Abend nichts hören von seinen angehäuften Lebensdekaden. Schon gar nicht mehr, als der Moderator Walsers Buch als Abschied deutete. "Wie kommen Sie denn darauf", donnerte es von der Bühne, und es hagelte eine gestische Maulschelle. Für das Publikum gab es Lobendes: "Ich freue mich, dass Sie da sind. Man will ja so etwas nicht allein lesen." Jetzt, bei dem himmelwärts gerichteten Blick des Autors, konnte man auch aus der letzten Reihe sehen, welch lebendige Augen sich unter dem gewaltigen Brauen-Buschwerk verbergen. Auf unzähligen Lesereisen hat Martin Walser den Umgang mit seinen Zuhörern gelernt. Später wird er, auch das ist Beifall garantierende Routine, über seine Arbeit verkünden: "Wenn ich ein Buch schreibe, weiß ich nie, wie es ausgeht. Sonst müsste ich es ja nicht schreiben."

Worum aber geht es in dem schmalen Band, der mit 52 Kapiteln etwas für jede Woche des Jahres bereithält? Tatsächlich sind diese Passagen eine Art Vademekum mit sehr viel Lebensklugheit. Kein Kapitel ist länger als zwanzig Seiten, die kürzesten bestehen nur aus einem oder zwei Sätzen, so wie dieser: "Fühl dich so unwichtig, wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz." Auch der Ausgangspunkt, aus dem sich alles Weitere ergibt, ist so ein einzelner Satz: "Mir geht es ein bisschen zu gut."

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Mal entstehen daraus kleine Geschichten oder Szenen, mal handelt es sich um Träume oder Gedanken. Gewissheiten sind nicht gefragt. Denn: "Wie soll es in einer Wörterwelt Freiheit geben, in der es Gewissheit gibt?" Den Buchtitel hält Martin Walser für erklärungsbedürftig. Rank sei keineswegs der Name einer Person, sondern ein altes, leider verloren gegangenes Wort der alemannischen Sprachzone. Es bedeute so etwas wie Kurve oder Wegkrümmung. Schon in seinem großartigen Kindheitsroman "Ein springender Brunnen" hatte der Schriftsteller ein nostalgisches Glossar verschwindender Regionalbegriffe angelegt. Jetzt also kommt dieses eine Wort dazu.

Mit Martin Walser ein Gespräch zu führen, das ihm selbst Freude macht, ist keine leichte Aufgabe. Da muss man sich etwas einfallen lassen. Keineswegs aber mit einem Kotau beginnen, wie im Central geschehen. Oder Fremdwörter benutzen, für die es schöne deutsche Begriffe gibt. Erst recht nicht eine Frage stellen, die er hasst. "Woher nehmen Sie die Kraft?", hatte der WDR-Journalist David Eisermann kaum ausgesprochen, als er eine Backpfeife kassierte, diesmal in echt. Jetzt schien der Autor beinahe die Lust auf den Abend zu verlieren. Doch glücklicherweise siegte der Profi in ihm, und es folgte ein aufschlussreicher Monolog über viele Themen seines literarischen Lebens. Für das eigene Leben hat man ab jetzt den "letzten Rank". Damit man stets die Kurve kriegt.

(RP)
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