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Interview mit Wilfried Schulz: "Ich freue mich, das Theater neu zu entwerfen"

Interview mit Wilfried Schulz : "Ich freue mich, das Theater neu zu entwerfen"

Er soll ein frisch saniertes Haus übernehmen: Im Sommer 2016 tritt Wilfried Schulz sein Amt als neuer Intendant des Schauspielhauses an. Der 62-Jährige will das Theater wieder mehr in die Mitte der Stadt rücken.

Ein Gespräch über die Lust an Herausforderungen und die ersten Schritte eines Intendanten.

Interview mit Wilfried Schulz: "Ich freue mich, das Theater neu zu entwerfen"
Foto: dpa, abu cdt

Als wir das letzte Mal telefoniert haben, wollten Sie Ihr Interesse an Düsseldorf noch nicht offiziell bestätigen, was hat am Ende den Ausschlag für Ihre Zusage gegeben?

Schulz Düsseldorf selbst. Ich habe lange mit Stadt und Land gesprochen und das Gefühl bekommen, dass das Interesse an mir sehr ernsthaft war und dass die Probleme des Hauses bekannt waren. Man will das Theater zukunftsträchtig aufstellen und weiß, dass das auch Geduld braucht. So ein Haus muss vom Wollen getragen sein. Wir wollen das Haus wieder in die gute Position führen, die ihm traditionell zukommt. Das ist mein Ziel, aber das ist ein Gemeinschaftsprojekt. Bei meinem Antrittsbesuch in dieser Woche hat mich sehr berührt, dass alle Wortmeldungen, etwa in der Mitarbeiterversammlung so depressiv begannen: "Sie wissen, worauf Sie sich einlassen?" wurde ich ständig gefragt. Meine Aufgabe wird offenbar auch sein, die gute Laune erst mal wieder einkehren zu lassen.

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Hätten Sie im Rheinland nicht erwartet?

Schulz Nein, aber ich freu mich darauf. Und ich bin beharrlich. Ich gehe meine Aufgaben mit Liebe, Zuwendung, Energie, Aufmerksamkeit an, versuche das Haus zu durchdringen. Das muss reichen. Wunder kann ich auch nicht bewirken.

Sind denn alle Fragen, etwa zum Etat, den Tariferhöhungen geklärt?

Schulz Vertragsdetails möchte ich nicht nennen, aber wir haben eine gute Grundlage gefunden und haben den Weg festgeschrieben.

Ist es nicht sogar attraktiv als Retter an ein Haus zu kommen?

Schulz Ich bin ja keine 25 mehr, ich muss hier nicht den Parsifal geben. (lacht) Mich hat gereizt, ein Haus zu entwerfen, es ganz neu zu konzipieren. Ich werde in den nächsten Monaten etwa darüber nachdenken, wie wir mit der Geschichte des Hauses und der Stadt umgehen werden, wie wir das Theater in NRW neu positionieren können. Das ist wie ein Schachspiel mit einem neuen Partner, sowas macht mir großen Spaß.

Das Brett ist blank.

Schulz Ich suche die konzeptionelle, intellektuelle, gesellschaftliche Herausforderung. Als gelernter Dramaturg sehe ich meine Aufgabe in der Gestaltung des Ganzen, vom Plakat über die Abo-Struktur bis zur glamourösen Klassiker-Inszenierung. Das Kleine wie das Große muss ein stimmiges Ganzes ergeben.

Sie waren auch Kandidat an der Wiener Burg, haben Sie die Entscheidung dort abgewartet?

Schulz Ich weine dem Burgtheater in keiner Weise nach, höchstens meinem Theater in Dresden. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt, Düsseldorf wusste, dass ich mit Wien sprach und umgekehrt. Die Intendanz an der Burg wäre eine ganz andere Aufgabe gewesen, ob die vielen repräsentativen Pflichten dort mir gelegen hätten, weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls glücklich, nach Düsseldorf zu kommen und meine Familie, meine Frau, die Österreicherin ist, hat ohnehin immer Düsseldorf favorisiert.

Was könnte die Düsseldorfer denn interessieren?

Schulz Das werden Sie im ersten Spielplan lesen können, vielleicht offensichtlich, vielleicht auch versteckt, da gibt es ja unterschiedliche Strategien. Aber so viel: Düsseldorf ist westlich orientiert, Düsseldorf ist eine reiche Stadt, aber es gibt auch arme Menschen, man geht in dieser Stadt also mit Konsum ganz anders um, als etwa in Dresden. Düsseldorf ist eine Stadt der Kunst; Migration ist ein großes Thema. All das muss man erkunden. In Dresden habe ich ein Jahr lang Gespräche geführt, ehe ich angefangen habe. Es gab niemanden in der Stadt, der inhaltlich etwas zu sagen hat, mit dem ich nicht gesprochen hätte. So werde ich es auch in Düsseldorf halten. Daraus wird das Programm entstehen. Dazu werden wir über das optische Erscheinungsbild des Theaters sprechen, darüber, ob es ein Bürgertheater geben wird, wie man das Jugendtheater weiter stärkt und so weiter. Es geht um inhaltliche wie strukturelle Fragen, um das Haus offen und transparent zu machen. Das wird dann mein Angebot an die Stadt und an das Land und ich hoffe, dass die Menschen es annehmen.

Werden Sie Ihr Dramaturgenteam mitbringen?

Schulz Über Personalkonstellationen möchte ich noch nichts sagen. Ich habe auf der Mitarbeiterversammlung gesagt: Der erste Schritt ist, dass ich mit den Menschen im Haus spreche, auf allen Ebenen, in allen Bereichen. Das ist eine Frage der Würde und der Professionalität, dass man erst mal zur Kenntnis nimmt, was vor Ort los ist. Dann ist der zweite Schritt, darüber zu reden, wo es Kontinuitäten geben soll, wo auch mal einen Bruch. Natürlich wird es Wechsel geben, das geschieht an jedem Theater mit einer neuen Intendanz. Ich habe eine lange Theaterbiografie, natürlich gibt es Menschen, die ich gern einladen würde, mit mir zu arbeiten. Ob die das dann annehmen, werde ich sehen.

Ist Ihnen bang geworden, als Sie vom Sanierungsbedarf am Schauspielhaus erfahren haben?

Schulz Ich muss gestehen, dass ich da noch einmal kurz gezögert habe, ob ich das Haus übernehmen sollte. Ich bin den Kollegen Günther Beelitz und Alexander von Maravic wirklich dankbar, dass sie den Sanierungsbedarf offengelegt haben und nun noch in ihrer Amtszeit abwickeln. Es gibt kein einfaches Theater, bei jeder Übernahme gibt es irgendwelche Schwierigkeiten. Aber eine Eröffnung in Ersatzspielstätten oder Interimslösungen wird es mit mir nicht geben.

Wie sieht es aus mit den Bauvorhaben rund um das Theater, die noch in Ihre Amtszeit fallen werden?

Schulz Auch die Pläne kenne ich, und sie sind in ihren Auswirkungen in der Tat ebenfalls gravierend für die Zukunft des Theaters, denn es wird gewaltige Baumaßnahmen geben. Ich hoffe aber, dass das Theater nach dem Umbau auch städtebaulich wirklich in der Mitte der Stadt ankommen wird.

Kennen Sie Ihren Vorgänger Staffan Holm und hat dessen Burn-out Ihre Überlegungen zu Düsseldorf beeinflusst?

Schulz Ja, wir kennen uns, ich habe auch Arbeiten von ihm gesehen, ein Gastspiel von ihm nach Dresden eingeladen und schätze ihn als Regisseur sehr. Ich möchte die Geschichte von Staffan Holm in Düsseldorf nicht kommentieren. Ich weiß um die Komplexität der Aufgaben eines Intendanten am Stadttheater, auch darum, wie sich Probleme anhäufen können, bis sie unbewältigbar scheinen. Ein Intendant muss im guten Kontakt mit allen Abteilungen im Haus und mit seinem Publikum stehen. Er muss das Gesamte eines Theaters entwerfen und dann auch in der Stadt vertreten. Das ist eine Riesenaufgabe. Darauf freue ich mich.

Schauspielhaus und Stadt haben sich in Düsseldorf entfremdet. Wie wollen Sie das Verhältnis heilen?

Schulz In Berlin, Hamburg, München und Dresden sind die Theater voll. Ich glaube nicht, dass der Düsseldorfer ein merkwürdiges, westeuropäisches Sonderwesen ist, das Theater nicht braucht. Ich halte die These vom schwierigen Publikum für Quatsch. Es hat in Düsseldorf große Theaterzeiten gegeben, Günther Beelitz wird die Situation verbessern, und ich denke nun darüber nach, was die Leute interessiert, und wie das Theater ein sinnvoller Spiegel der Stadtgesellschaft werden kann.

Was sind nun Ihre ersten Schritte?

Schulz Ich werde in den nächsten eineinhalb Jahren mit sehr vielen Menschen in der Stadt sprechen, mir ein Bild von der Stadt machen. Ich arbeite ja weiter in Dresden, werde aber sicher einen Tag pro Woche im Rheinland sein, die Region kennen lernen und ein Programm konzipieren, das die Menschen angeht. Ein Theater muss 1000 Türen haben, weite Tore, versteckte Zugänge, die werden wir finden und öffnen.

Welchen Eindruck haben Sie beim Antritt in Düsseldorf gewonnen?

Schulz Den einer offenen, lebendigen, kunstinteressierten Stadt mit vielen unterschiedlichen sozialen Schichten. Ich habe große Zugewandtheit erlebt — warum sollte in so einer Stadt Theater nicht funktionieren?