Hinterhoflesung in Oberbilk: Regenschirm-Ballett im Hinterhof

Hinterhoflesung in Oberbilk : Regenschirm-Ballett im Hinterhof

Zum Auftakt der Hinterhoflesungen lasen drei Autoren hinterm Haus des Vereins Niemandsland in Oberbilk. Zwischendurch gab es einige Regenschauer, Biobier, Zwischenrufe mit dem Megafon, und die Polizei kam auch vorbei.

Enge Reihen von Bierbänken stehen in einem Oberbilker Hinterhof rund um einen kleinen Tisch und einen Mikrofonständer. Dahinter wuchert ein wildes Gartenidyll aus Wein, Blumen und einigem selbst angebauten Gemüse. Den Abschluss des langgestreckten Hinterhofs bildet ein altes Lagerhaus. Vom Fenstersims im ersten Stock des Hauses schaut gelassen eine Buddha-Statue auf die rund 100 Menschen herab, die noch schnell einen Platz auf den Bänken ergattern wollen. Schließlich geht gleich die Hinterhoflesung los.

In seinem siebten Jahr ist dieses Format bereits angekommen, und es erfreut sich großer Beliebtheit. Das Konzept der kostenlosen Lesungen ist dabei denkbar einfach. In wechselnden Hinterhöfen lesen etablierte Schriftsteller aus ihren Büchern, oder junge Poetry-Slamer tragen ihre Texte vor. Die Zuhörer entdecken bei den Veranstaltungen nicht nur Literatur, sondern vor allem auch ganz neue und unbekannte Ecken der Stadt, die sonst von den Häuserreihen immer verdeckt bleiben.

Wie eben das Hinterhofidyll des Vereins Niemandsland an der Heerstraße. Seit dem Ende der 80er Jahre ist der Verein hier beheimatet. Gegründet wurde er mit dem Ziel, den Alltag zu ökologisieren. Was damals noch eine Forderung von einigen langhaarigen Spontis war, ist durch die düsteren Aussichten des Klimawandels in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Trotzdem hat das Niemandsland seine Freiheit und auch den alternativen Charakter behalten. Hier gibt es einen veganen Mittagstisch, die Radwerkstatt bietet Hilfe zur Selbsthilfe, und im Vorderhaus befindet sich ein Bioladen, der zum Glück nur wenig mit seinen durchdesignten Nachahmern des 21. Jahrhunderts zu tun hat.

Als auch die letzten Zuhörer einen Platz gefunden haben, tritt eine junge Frau mit Kopftuch ans Mikrofon. Mina trägt im für den Poetry-Slam typischen schnellen Singsang einen Text über eine düstere, dystopische Welt vor. Menschenwesen nennt sie die vom Konsum erkalteten Bewohner dieser Welt. Und als die Ich-Erzählerin erkennt, dass die Welt ihre Farbe und ihre Empathie verloren hat, beginnt ein kurzer Schauer. Auf den Bänken stellen die Zuhörer ihre Biobier-Flaschen und veganen Limonaden ab, um in den engen Reihen umständlich ihre Regenschirme aufzuspannen. Noch mehrere Male wird sich dieses Regenschirm-Ballett wiederholen.

Nach Mina tritt Meral Ziegler ans Mikrofon. In ihren Texten bespricht sie eindringlich ihre Rolle als Frau mit Migrationshintergrund. Als sie beginnt die Geschichte „Deutschland muss sterben“ vorzulesen, kommt alsbald eine unerwartete Reaktion. Vom Vorderhaus her ist eine alte Stimme laut durch ein Megafon zu hören: „Wenn nicht bald Ruhe ist, rufe ich die Polizei.“ Auch wenn die alte Dame Zieglers Hinweis, dass es sich hier lediglich um ein Zitat aus dem gleichnamigen Song der Punkband „Slime“ handele, nicht mehr hört, sind die Zuschauer doch gespannt, ob sich ihre Drohung bewahrheiten wird. Es geht dann aber erst einmal in eine kleine Getränkepause, bevor Linus Volkmann, Stargast des heutigen Abends, liest. An der improvisierten Bar im Lagerhaus gibt es noch mehr Biolimonaden, Biobier und Demeter-Wein. In den hinteren Reihen kippen sich junge Frauen ihre Guarana-Cola einfach mit dem Wein auf. Eine Getränkemischung, die Linus Volkmann im Laufe seiner Lesung aber locker und aus dem Stand übertrumpfen wird – mit Klosterfraumelissengeist-Cola und Doppelherz-Matetee.

Im knalligen 80er-Jahre-Pullover und mit dicker Goldkette um den Hals setzt sich Volkmann ans Mikrofon. So ironisch wie seine Kleidung ist auch sein Vortrag. Der Musikjournalist und Gag-Schreiber für Jan Böhmermann und die Heute-Show erzählt an diesem Abend, warum er Musikfestivals hasst. Lakonisch und improvisiert führt er durch seine gut 45-minütige Lesung, angereichert mit viel Fäkalhumor, deftigen Sprüchen und Seitenhieben gegen einige Bands und Musiker. „Madsen ist eine ganz feine Band, wenn die Musik nicht wäre. Und die Texte“, sagt Volkmann über die schon fast wieder in Vergessenheit geratenen Band aus dem Wendland.

Dann kommt er zu einem unausweichlichen Thema: Drogen auf Festivals. Und verstummt abrupt und irritiert. Denn ein junger, schneidiger Polizist kommt selbstbewusst durch die engen Reihen ans Rednerpult. Das amüsierte Publikum denkt natürlich an die ältere Dame aus dem Vorderhaus.

Doch um Ruhestörung geht es hier nicht. Vielmehr hat ein Besucher der Lesung das Fenster seines Autos offen und das Navigationsgerät darin liegen gelassen. Eine Lehrstunde der Polizei als Freund und Helfer im linken Freiraum. „Und ich dachte, ihr hättet Oberbilk schon längst aufgegeben“, entgegnet Volkmann schmunzelnd dem Polizisten. Da sind die Lacher im Publikum natürlich auf seiner Seite.

Nach diesem ungeplanten Höhepunkt geht die Lesung mit dem Mischen von Volkmann’schen Getränkekreationen zu Ende. Und auch der Regen hat aufgehört. Zur nächsten Hinterhoflesung werden sicherlich wieder viele Fans kommen, denn so spontan und unerwartet ist ein Literaturevent nur selten.

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