Ausstellung bei Boerner Herkules und seine Nachfolger

Düsseldorf · Eine Ausstellung bei Boerner zeigt die Auseinandersetzung mit der Antike: den berühmten Herkules Farnese in zwei Düsseldorfer Bearbeitungen.

 Herkules Farnese als Bronzeskulptur des Bildhauers Fritz Coubillier am Düsseldorfer Fürstenplatz.

Herkules Farnese als Bronzeskulptur des Bildhauers Fritz Coubillier am Düsseldorfer Fürstenplatz.

Foto: Boerner

C. G. Boerner, einst das traditionsreichste Kunstantiquariat Deutschlands, 1826 in Leipzig gegründet, mit Goethe als Kunde, ist seit Kriegsende in der Carlstadt beheimatet, aber nur noch als Dependance. Firmensitz ist New York, das ursprünglich als Zweitsitz von Düsseldorf betrieben wurde. Weil sich deutsche Kunden immer seltener für die alten Meister interessierten, ging das Unternehmen 1995 an die Artemis Gruppe mit Hauptsitz in London und Firmensitz in Luxemburg, wurde jedoch 2005 liquidiert.

Heute gehört Boerner dem Fachmann Armin Kunz, der zugleich im Vorstand der wichtigsten Kunstmesse ISPDA für alte Druckgrafik sitzt. Boerner Düsseldorf wird als Dependance von F. Carlo Schmid betreut. Dort hängt aktuell der berühmte Stich des Herkules Farnese von Hendrick Goltzius, der in Düsseldorf gleich zwei Liebhaber hat.

Der niederländische Kupferstecher Goltzius schuf den Herkules um 1600 nach dem antiken Original, das sich damals noch in Rom befand. Der Stich ist brillant und humorvoll zugleich. Das Anschwellen und Abschwellen der Muskeln in der Modellierung des Körpers sucht seinesgleichen. Auf sein Blatt greifen gleich zwei Düsseldorfer Künstler im Abstand von hundert Jahren zurück. Es sind der Bildhauer Fritz Coubillier (1869 bis 1953) mit dem Industriebrunnen auf dem Fürstenplatz und die Malerin und Grafikerin Pia Fries, die die „Körperlichkeit der Figur" und der „Herausbildung der Muskeln wie Kugeln" in aktuellen Siebdrucken lobt.

 Herkules Farnese auf einem Siebdruck von Pia Fries.

Herkules Farnese auf einem Siebdruck von Pia Fries.

Foto: Boerner

Ein Husarenstück ist Coubilliers Bronzeskulptur. Der geniale Meisterschüler der Kunstakademie verwandelt den Heros der Antike und des Manierismus in einen Helden der Arbeit. Er übersetzt die übernatürlichen Kräfte des griechischen Halbgottes ins Industriezeitalter. Der Sohn des Göttervaters Zeus, der bei Goltzius noch die drei goldenen Äpfel der Hesperiden locker in der Hand auf dem Rücken hält, kommt nun ohne diese Beweise seiner erfolgreichen Taten aus. Die Hand bleibt leer.

Als Stütze für die Ganzfigur nimmt Coubillier weder Keule noch Löwenfell, sondern eine Schmiedezange. Alles andere bleibt, die heroische Nacktheit, Übergröße, Muskelpakete sowie der Griff der Hand in die Taille. Damals wie heute wirkt die Figur stolz und leicht sexy. 1913 stand der Brunnen mit den Figuren im Ehrenhof, musste aber mit dem Umbau der Gebäude in die Friedrichstadt weichen.

 Die Vorlage: Herkules Farnese auf dem Kupferstich von Hendrick Goltzius.

Die Vorlage: Herkules Farnese auf dem Kupferstich von Hendrick Goltzius.

Foto: Boerner

Pia Fries setzt sich mit Goltzius seit 2010 auseinander. Ihre aktuelle Serie „disloziert", die sie bei Boerner zeigt, entsteht seit 2018. Ihre Vorgehensweise schildert sie selbst: „Ich fotografierte den Kupferstich, schnitt den Heros aus seiner Umgebung heraus, stellte Filme her und belichtete sie für den Druck auf Sieben." Den lateinischen Titel „disloziert" übersetzt sie mit „verschoben" und erklärt: „Ich falte die klassische Figur auseinander, zeige sie in den verschiedenen Ansichten, die ich ineinander, übereinander und untereinander schiebe. Ich sorge für eine malerische Überarbeitung von Hand. Je nach Ausrichtung der Siebe wird das jeweilige Motiv fließender. So verliert der Herkules seine Standhaftigkeit. Ich mache aus der Radierung einen farbigen Siebdruck in größerem Format."

Ihr Herkules ist Vexier- und Suchbild, teilweise seitenverkehrt, fragmentiert, zerstückelt und neu zusammengesetzt. Sie umhüllt die Figur mit koloristisch zurückhaltenden Farben. Doch trotz aller Manipulation bleibt auch bei ihr der Herkules ein Symbol für die Kraft in der Kunst und mithin eine Analogie zum Künstlerdasein. Diese Kraft könne nicht nur, so ihre Meinung, aus einer Verfremdung von Vorlagen geschehen, sondern da müsse auch eine „Kraft von oben kommen".

Das Vorbild von Hendrick Goltzius entlieh Boerner vom Museum Kurhaus Kleve aus der Sammlung Robert Angerhausen. Es ist der Höhepunkt in der Ausstellung Pia Fries.

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