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Hans-Georg Lohe: Der Offenbarungseid eines überforderten Dezernenten

Analyse zur Krise des Schauspielhauses : Der Offenbarungseid eines überforderten Dezernenten

Die Krise um das Düsseldorfer Schauspielhaus ist das Ergebnis einer schwachen und verzagten Kulturpolitik. Das Vakuum ist mit dem Tode des früheren Oberbürgermeisters Joachim Erwin entstanden und konnte vom Kulturdezernenten Hans-Georg Lohe nie ausgefüllt werden. Eine Analyse.

Es ist das letzte Aufgebot: In Düsseldorf soll mit Günther Beelitz ein 75-jähriger Ex-Intendant die Dinge richten, die Dinge, die gravierender nicht sein könnten. Bei allem Respekt vor Beelitz: Wie soll er eines der größten deutschen Sprechtheater, das sich in einer seiner größten Krisen befindet, wieder zu neuem Glanz führen? Und das binnen zwei Jahren. Statt Krisenmanagement muss man eine Hinhaltetaktik zur Kenntnis nehmen, die für Unruhe am Schauspielhaus gesorgt hat und letztlich für die schlechte Finanzlage mit verantwortlich ist.

Ein Haus, in dem die Personal- und Finanzpolitik stärker thematisiert werden als die künstlerische Arbeit, vergrault sein Publikum. Das bringt Mindereinnahmen im Jahresbudget. Schon als der Vorgänger des geschassten Intendanten, Staffan Holm, der 2012 wegen Burn-Outs sein Amt aufgab, hätte man den Prozess moderieren müssen. Vielleicht wäre es nicht erst so weit gekommen, wenn der Kulturdezernent sich beizeiten um sein Führungspersonal gekümmert hätte.

Die Kulturpolitik war bereits 2008 mit dem Tod vom damaligen Oberbürgermeister Joachim Erwin in Schieflage geraten. Erwin hatte mit seinem stets selbstsicher und wortgewandt auftretenden Kulturdezernenten Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff seine Schwierigkeit gehabt und dürfte nicht traurig gewesen sein, als dieser ab 2005 als Kulturstaatssekretär des Landes in die Staatskanzlei wechselte. Erwins neuer Mann war Hans-Georg Lohe, Jurist und Kunstfreund, in seinem Auftreten aber eher Bürokrat mit geringer Neigung zur Gestaltung. Das war unter Erwin auch nicht nötig, da dieser selbst das Feld der Kultur gern und mitunter auch spektakulär für sich beanspruchte — etwa mit der Einrichtung einer alle vier Jahre stattfindenden Quadriennale, einem mit 55 000 Euro dotierten neuen Kunstpreis sowie der Verdopplung des Heine-Preisgeldes auf 50 000 Euro. Sein Nachfolger, Oberbürgermeister Dirk Elbers, hat bis heute keine rechte Nähe zu Kunst und Kultur der Stadt finden können und so seinem Kulturdezernent Lohe einen Freiraum gegeben, den dieser kaum zu gestalten wusste.

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Das zeigt sich an mehreren Beispielen, besser gesagt: Dauerbaustellen der Düsseldorfer Kulturpolitik. Dazu gehört neben der noch immer fehlenden Betriebserlaubnis für die Oper (wobei der Kulturdezernent zu wenig Einfluss auf den Baudezernenten genommen hat) das Zaudern bei der Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor der Tonhalle. Andrey Boreyko verlässt Düsseldorf im Sommer; ein Nachfolger aber ist längst nicht in Sicht, ein namhafter schon gar nicht. Viele Fragen sind auch für die Zukunft des NRW-Forums ungeklärt, nachdem das Land seine Mitfinanzierung gestrichen hat. Für "attraktive Lösungen" sei er offen, erklärte Lohe seinerzeit. Von eigenen Ideen allerdings war keine Rede. Bisweilen schien Lohe aber Handlungshoheit beweisen zu wollen, was zu Überreaktionen führte. Die allzu frühzeitige Verlängerung des Vertrags mit Tonhallen-Intendant Michael Becker bis zum Jahr 2019 gilt als überzogen. Die Krise des Schauspielhauses ist die mögliche Folge eines Gestaltungsvakuums. Dass Lohe gestern beim Krisengipfel nur unter den Zuschauern saß, war darum mehr als nur ein Sinnbild. Dass er in der kommenden Woche bei der anstehenden Dezernenten-Wahl im Amt bestätigt wird, scheint weder vorstellbar noch für die Stadt und ihre Kultur wünschenswert zu sein.

(RP)