Hanns Trauers Roman "Die Spiegelung des Sternenhimmels"

Roman : Wenn Menschen den Zeitpunkt ihres Todes erführen

In dem Roman „Die Spiegelung des Sternenhimmels“ kann ein Mathematiker die Stunde des Ablebens berechnen – und muss sich Sinnfragen stellen.

Albert ist Versicherungsmathematiker, ein nüchterner Denker mit Vorliebe für klare Strukturen. Allerdings ist er auch klug genug, mehr für möglich zu halten, als sein Verstand ermessen kann. Und so schreckt er nicht zurück, als sich bei einer Untersuchung großer Datenmengen von Versicherten plötzlich eine ungeheuerliche Möglichkeit auftut: Albert begreift, wie er mit Hilfe von Algorithmen den Todeszeitpunkt von Menschen berechnen kann – das Ergebnis ist keine vage Schätzung, keine Vorhersage nach Augenschein, sondern die exakte Todesstunde.

Wie ein Sternenbild am Himmel zeichnet sich die Berechnungsmöglichkeit in den Datenmengen ab. Natürlich ist Albert sofort bewusst, dass dieses Wissen für seine Versicherung von unschätzbarem Wert ist. Vor allem aber, dass die Todes-Informationen die Wertsetzungen der Menschen radikal verändern könnten. Schließlich kann niemand sagen, wie Menschen reagieren, wüssten sie, wie viel Zeit ihnen bleibt.

Der Düsseldorfer Autor, der unter dem Pseudonym Hanns Trauer schreibt, wagt in seinem Debütroman „Die Spiegelung des Sternenhimmels“ ein Experiment. Er spielt durch, wie konkrete Kenntnis von der eigenen Lebensspanne die Einstellung zum Dasein verändert. Welche Sinnfragen wirft das auf? Macht es Menschen zu rücksichtslosen Hasardeuren, die jede Sekunde genießen wollen, oder steigert es ihre Achtsamkeit? Nach anfänglichem Zögern öffnet Albert die Dose mit dem göttlichen Wissen, stellt erste Berechnungen an, weiht einzelne Menschen in seine neuen Möglichkeiten ein, erlebt unterschiedliche Reaktionen. Die einen wittern sofort den Marktwert der ungeheuerlichen Kenntnis, anderen wird klar, dass das eigene Todesdatum nur die ewig gültige Forderung verstärkt: Nutze den Tag – für ein sinnvolles Leben!

Fortan bringt Albert bei Treffen mit Freunden und in der Familie die Sprache auf den Tod. Er versucht herauszufinden, was sein neues Wissen anrichten würde, teilte er es mit anderen. Derweil nimmt sein eigenes Leben dramatische Wendungen, der Tod schlägt – unberechnet – in seiner Nähe zu, und Albert wird immer klarer, dass der naturwissenschaftliche Blick auf das Sein womöglich begrenzt ist.

„Die Spiegelung des Sternenhimmels“ ist eine ungewöhnliche Mischung von Genres. Einerseits folgt Alberts Geschichte dem Muster eines Entwicklungsromans. Der Mathematiker muss teils schmerzlich lernen, sicher geglaubte Annahmen über das Leben und die Wirklichkeit zu überdenken. Dabei geht Trauer sehr weit, mutet seinen Lesern allerhand spirituelle, auch übersinnliche Exkurse zu. Dafür hat nicht jeder eine Antenne. Doch genauso lässt sich der Roman wie ein Ratgeber lesen, in dem wichtige Fragen nach dem Gelingen von Biografien verhandelt werden. Trauer verkündet keine Weisheiten, er lässt seine Figuren über den Sinn des Lebens – und des Sterbens nachdenken. Manche Positionen sind überzeugend, andere weniger. Jeder Leser kann seine Sympathien verteilen und eigene Antworten finden.

Im Vorwort schreibt der Autor, er habe in seiner Geschichte Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken eines Menschen in der Mitte seines Lebens verarbeitet. Und so ist sein Roman tatsächlich eine Spiegelung: philosophisch-spirituelle Gedanken eines Autors bilden sich in der fiktiven Geschichte eines Mathematikers ab.

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