1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Gregor Jansen, Chef der Kunsthalle, über Kunst in Zeiten von Corona

Gastbeitrag Gregor Jansen : Hoffen auf eine menschlichere Welt

Der Chef der Kunsthalle schreibt über die Bedeutung von Kunst in Krisenzeiten, über die Freude, wieder Menschen im Museum zu sehen und über seine Hoffnungen für die Zeit nach der Corona-Pandemie.

Das ist alles kein Spaß. Seit dem 14. März, als ich Folgendes auf Facebook postete, ist es nach wie vor bizarr: „Denke über dieses Gefühl gedehnter Zeit nach... eine Beugung des Raumes im Zeitfenster oder sowas in der Art bis zum 19. April! Fühlt sich extrem merkwürdig an!“ Jetzt haben wir den 7. Mai und unsere großartige Überblicks-Ausstellung zur Fotografie an Rhein und Ruhr in der Kunsthalle war fünf Wochen im Dornröschenschlaf. Erst seit Dienstag haben wir wieder geöffnet.

Unfassbar, aber wahr. Die gedehnte Zeit hinterlässt Spuren. Das Leben hat sich extrem geändert, soziale Kontakte auf Eis, die Kommunikation zumeist auf virtuelle Ebenen verschoben, die Gespräche auf Abstand und jede Begegnung ohne Berührung, surreale Verhältnisse mit bitterem Beigeschmack.

Zwar haben wir unsere Fotoschau fertiggestellt für eine fiktive Eröffnung am 20. März, diese jedoch absagen müssen. Ebenso musste das von vielen sehnlich erwartete „Klassentreffen“ von rund 100 Künstlerinnen und Künstlern ausfallen. Die Ausstellung konnte aber dann zügig für den Katalog durchfotografiert, und dieser jetzt mit 356 Seiten produziert werden. Ebenso wurden zahlreiche digitale Vermittlungsformate konzipiert und realisiert, mit den Künstlerinnen und Künstlern korrespondiert und die Ausstellung konnte mittlerweile dank verständiger Leihgeber bis Mitte August verlängert werden. Das wird ein Fest – nur mit wem?

Das Nachdenken ist sicher eines der wenigen positiven Momente in der Pandemie – wie der des Lesens und Schreibens, das Sortieren und Kaprizieren, wie mit der Situation umzugehen ist. Beruflich wie privat. Die Menschen, die man vermisst und dank Kontaktsperre noch mehr vermisst, ebenso die Kunst und die Musik in Ausstellungssälen und Konzerthäusern, die ganz banal gewohnte Normalität des Sozialen, der alltägliche Umgang, der Begegnungen und Berührungen.

Die Kunsthalle als ein Ort des Diskurses und der kritischen Auseinandersetzung mit dem ästhetischen Mehrwert in unserer Gesellschaft war lange leer, keine Menschen mit ihren Gedanken, Gefühlen, Gerüchen, Sorgen und Freuden bevölkerten die Säle und erbauten sich am Mensch-Sein, an der Hingabe an dem Symbolischen inmitten des und wider das ökonomische Profitdenken. Wie wichtig so eine Institution ist, zeigte die Wiedereröffnung: Aufatmen. Die Sinne vermissen in Zeiten von Corona den Sinn des Daseins, das wird extrem deutlich spürbar. Der Genuss der Hingabe ist ein einsamer geworden.

All das beschäftigt mich, und der Versuch einer beruflichen Normalität ist wie eine App der aktuellen Wettervorhersage, wenn ich nur in den Himmel gucken muss, um zu sehen, wie das Klima ausschaut. Dann sind da die Kinder, die unerreichbar scheinen wie die Tochter in Madrid, die seit sechs Wochen eine radikale Ausgangssperre erlebt. Der Blick Richtung USA oder nach Brasilien, wo ich Künstlerfreunde habe, die durchdrehen im Schrecken ihrer Situation und der Präsidenten, den radikalen Ausgangssperren eben in Spanien, Italien und Frankreich. Das relativiert wieder alles, man ist dankbar und demütig, zugleich enorm besorgt um den Zustand und die Zukunft der Kreativen in aller Welt.

Meine Freunde in China oder auch Korea und Japan sorgen sich auch, aber reden weniger darüber, sondern regeln ihr Leben, sehen die Situation auch als Prüfung und Chance. Ich wünschte, wir wären uns näher, hoffentlich bald, in einer veränderten, reflektierteren und sozialeren, simpel gesprochen menschlicheren Welt. Das wünsche ich mir sehr.