Düsseldorf: Goethes geheimnisvolles Ginkgoblatt

Düsseldorf: Goethes geheimnisvolles Ginkgoblatt

"Ginkgo biloba" gilt als das am vielfältigsten vermarktete Werk des großen Dichters. Vor genau 200 Jahren sind die Verse entstanden. Was nur wenige wissen: Die Original-Handschrift wird im Düsseldorfer Goethe-Museum verwahrt.

Heute vor 200 Jahren ist eines der berühmtesten Gedichte von Goethe entstanden. Von allen Werken des Meisters wurde "Ginkgo biloba", das als Titel den botanischen Namen eines Baumes trägt, am vielfältigsten vermarktet: Die Goethe-Verse zieren Tassen und Servietten; die herzförmigen Blätter des urtümlichen Ginkgos gibt es als Naschwerk aus Marzipan und aus Gold als Schmuck für die Damen. Allein im Düsseldorfer Goethe-Museum aber wird die Original-Handschrift des Gedichtes verwahrt. Das wertvolle Blatt, das 2013 sogar im Pariser Louvre zu sehen war, wird zum Jubiläum für kurze Zeit in der Ausstellung des Goethe-Museums präsentiert. Der Dichter hat die drei Strophen ins Reine geschrieben und darunter sorgfältig zwei Ginkgoblätter mit einem zur Schleife gelegten, rosafarbenen Papierstreifen befestigt. Solch behutsamen Umgang mit Pflanzen kennen wir aus Goethes Herbarien. Zugleich ist das kunstvolle Schmuckblatt Ausdruck biedermeierlichen Dekorationswillens und selbstbewusste Präsentation eines Kunstwerks.

Es handelt sich offenbar um ein Naturgedicht, das über das fächerförmige, in der Mitte eingekerbte Ginkgoblatt sinniert: Ist es ein Wesen, das sich in zwei Teile getrennt hat, oder sind es zwei Wesen, die zusammen ein Ganzes bilden? Doch so einfach ist es nicht. Das handschriftliche Datum weist auf ein Gefühl hin, das Goethe begeistert und verstört hat: die Liebe zu der 35 Jahre jüngeren, verheirateten Marianne von Willemer, der er in Frankfurt begegnete. Die ehemalige Schauspielerin wurde durch den verehrten Dichter selbst zu kongenialen Gedichten inspiriert, die Goethe anonym in seinen großen Alterszyklus "West-östlicher Divan" einreihte. Am 15. September 1815 sandte das Genie der jungen Frau ein Ginkgoblatt und legte einige Verse bei. Die Düsseldorfer Handschrift ist wohl diejenige, die er einige Jahre später an seinen Freund und Dienstherrn, den Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, geschickt hat, mitsamt einiger Materialien zur Naturkunde.

War das Schmuckblatt ursprünglich als Geschenk für die Geliebte gedacht und wurde nach Bewältigung der Leidenschaft naturkundlich weiterverwertet? Zur Lebenskunst Goethes gehörte das Abschneiden von persönlichen Beziehungen. Dem Gedicht nimmt das nichts vom Zauber der Zuneigung eines Paars: In der Liebe wachsen zwei Individuen zusammen und bieten der Welt Paroli. Vielleicht hat Goethe dabei an den alten platonischen Mythos gedacht, nach dem wir alle über die Erde schweifen und verzweifelt nach dem verlorenen Pendant suchen.

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In den drei Strophen zu je vier Versen bringt der Dichter es fertig, über Liebe, Natur, Poesie und Kultur zugleich zu sprechen. Eins und doppelt sind nicht nur die Natur und das liebende Paar, eins und doppelt ist auch das Ich, das sich in seinen Liedern selbst betrachtet. Und das dabei entstehende Kunstwerk ist ebenfalls verdoppelt, weil Goethe in seiner Gedichtsammlung auf ein Werk aus dem Osten, den "Divan" des persischen Dichters Hafis, zurückgreift. So können die Verse Verständigungsmittel von Liebenden, Pflanzenkundlern, Literaten, eingeweihten Goethe-Kennern und interkulturell vermittelnden Politikern sein.

Die Handschrift wurde vor 30 Jahren erworben. Die Stadt Düsseldorf, die Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, das Land Nordrhein-Westfalen und der Freundeskreis des Museums machten den Kauf möglich: ein Zeugnis gemeinschaftlicher Kulturpflege, wie man sie sich heute angesichts der aktuellen Kommunalpolitik nur wünschen kann.

Der Autor ist Leiter des Goethe-Museums Düsseldorf.

(RP)
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