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Düsseldorf: Goethes Charlotte singt diesmal Französisch

Düsseldorf : Goethes Charlotte singt diesmal Französisch

Die polnische Mezzosopranistin Katarzyna Kuncio debütiert am Freitag in Jules Massenets Oper "Werther" in der Rheinopern-Premiere.

Kaum war sie in Düsseldorf engagiert, musste Katarzyna Kuncio unverzüglich für eine erkrankte Kollegin einspringen und ungeprobt den Hänsel singen. Weil sie schon vertraut war mit der Partie in Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" und auch mit dem jugendlichen Publikum. "Man erspürt auf der Bühne eine ganz andere Atmosphäre", sagt sie. "Wirklich hören kann man die Kinder nicht, das Orchester spielt laut genug. Aber ihre Reaktionen sind lebhafter und der Applaus gerät euphorischer."

Zehn Jahre ist das jetzt her. Als Hänsel tritt Katarzyna Kuncio noch immer an der Rheinoper auf, viele weitere Partien kamen hinzu. Häufig waren es Hosenrollen, so auch in dieser Spielzeit beim Octavian im "Rosenkavalier". Das sei ganz natürlich bei ihrer Stimmlage als lyrischer Mezzosopran, sagt sie. Sie findet sich gut darin zurecht und hat sich eine Art männliches Gebaren angewöhnt. "Man findet eine andere Körpersprache, achtet sehr bewusst darauf, wie man sich bewegt. Besonders spannend finde ich den ständigen Wechsel der Geschlechter bei Octavian. Eine Frau spielt einen Mann, der sich wiederum als Frau verkleidet."

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Bei ihrem Rollendebüt als Charlotte in Massenets "Werther" (nach Goethes legendärem Briefroman) am heutigen Freitag hat sie es dann wieder mit einer Frau durch und durch zu tun. "Fast schon ungewöhnlich für mich", sagt die Sängerin aus Polen. "Andererseits kommt mir Charlotte seltsam bekannt vor. Ich muss mich nicht verstellen, weil ich sie sehr gut verstehen kann." Manche ihrer Eigenschaften erkenne sie auch bei sich: "Sie ist pflichtbewusst, zuverlässig und vernünftig, manchmal schon zu sehr. Trotzdem hat sie Sensibilität und starke Gefühle, von denen sie sich aber nicht verführen lässt." Kann die liebende Charlotte Werthers abgrundtiefe Verzweiflung nachvollziehen? "Nur bedingt", vermutet Katarzyna Kuncio. "Sie weiß zwar, was er empfindet, glaubt aber nicht, dass er so weit getrieben wird, sich das Leben zu nehmen."

Stimmlich sei die Partie eine große Herausforderung. "Sie geht ins Dramatische über, was mir ein neues Fach erschließen könnte. Ich gehe allerdings sehr vorsichtig um mit meiner Charlotte. Als man mir vor einem Jahr die Rolle antrug, habe ich mich sehr gefreut. Die Skepsis, ob ich mir sie schon zutrauen kann, kam erst später. Ich habe dann ein bisschen probiert und festgestellt, dass es wahrscheinlich funktionieren wird." Bei diesen Worten schwingen Respekt vor dem Werk und Bescheidenheit bei den eigenen Möglichkeiten mit.

Dabei hat die Mezzosopranistin bisher alles mit Bravour gemeistert, was man ihr abverlangte. Ist sie jemand, der eher mal angeschubst werden muss? "Das wird wohl so sein", antwortet sie lächelnd. "Aber es heißt ja, man wächst mit seinen Aufgaben."

Katarzyna Kuncio wuchs in Posen auf, spielte früh Klavier und kurze Zeit auch Cello. Ihre außergewöhnlich hübsche Stimme fiel bei verschiedenen Chören und kleinen Darbietungen auf. Die gutbürgerlichen Eltern, der Vater Ingenieur, die Mutter Lehrerin, waren nicht gerade glücklich, als die Tochter den Wunsch äußerte, Sängerin zu werden. Sie beruhigten sich erst, als sie ihnen versprach, Musikwissenschaftlerin zu werden, sollte es mit dem Singen nicht klappen. Doch dann ging es schnörkellos voran: Studium in Posen und Wien, Meisterkurse bei Koryphäen wie Brigitte Fassbender, erster Preis beim Schubert-Gesangswettbewerb im japanischen Osaka (1997), erstes Opern-Engagement im norddeutschen Bremerhaven. Dort lernte sie ihren Ehemann kennen. Damals sang der Allgäuer als Solist im Ensemble. Später studierte er Physik und arbeitet heute in der Strahlenabteilung der Heinrich-Heine-Universität.

In Düsseldorf lebte sich Katarzyna Kuncio schnell ein. "Die Oper ist wie eine Familie. Fühlt man sich dort erst einmal heimisch, kommt die Außenwelt von ganz alleine dazu." Ihr Deutsch ist nahezu perfekt. Mittlerweile singt sie es auch ganz gern, vorher zog sie Italienisch und Russisch vor. "Französisch dagegen finde ich noch immer gewöhnungsbedürftig", gibt sie zu. Die Rolle der Charlotte musste sie regelrecht auswendig lernen, bis sich das richtige Verständnis einstellte. Bei der Premiere von "Werther" wird man von diesen Mühen gewiss nichts bemerken.

(RP)