1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Kultur

Gespräch über Jugendtheater in Krisenzeiten

Welttag des Jugendtheaters : „Theater muss von Empathie erzählen“

Am 20. März ist Welttag des Jugendtheaters. Das wird in der Krise neue Kanäle zum Publikum finden, sagt der Chef des Jungen Schauspiels.

Normalerweise ist der Welttag des Kinder- und Jugendtheaters, der morgen gefeiert wird, Anlass für Aufführungen, Diskussionen, Feste in großen und kleinen Bühnen rund um den Globus. Corona hat auch dieses Programm zunichte gemacht – doch der Gedenktag bleibt umso wichtiger. Und ist Anlass zur Freude, findet der Leiter des Jungen Schauspiels, Stefan Fischer-Fels.

Wir feiern nun morgen einen globalen Gedenktag für das Theater – doch an vielen Orten auf der Welt sind die Bühnen geschlossen. Was fehlt der Welt dadurch?

Fischer-Fels Wir haben immer gesagt, dass Theater kein Luxus ist, sondern ein Grundnahrungsmittel. Nun haben wir im Moment Bedingungen, die es unmöglich machen, Menschen einzuladen und live für sie zu spielen. Aber nötig ist das Grundnahrungsmittel nach wie vor – und wir werden neue Ausdrucksformen und technische Kanäle finden, um weiter mit unserem Publikum in Kontakt zu sein. Darum werden wir auch weiter proben – in ganz neuen Formen, ohne einander zu begegnen vielleicht. Vielleicht werden wir auch Avatare bauen und den virtuellen Raum nutzen, vielleicht wird Theater jetzt viel interaktiver, livestreamiger. Wir haben ja erst vor wenigen Tagen begonnen, uns eine Dramaturgie für die aktuelle Krise zu überlegen. Aber eins ist klar: Wir werden nicht aufhören, Kindern, Jugendlichen und ihren Begleitern Geschichten zu erzählen und Ansichten miteinander zu teilen!

Das Theater war bisher auch wichtig als Gegengewicht zur digitalen Welt. Ein Ort, der von der physischen Präsenz, dem realen Miteinander lebte. Lässt sich das digital transformieren?

Fischer-Fels Unser Wille zum Ausdruck ist ungebrochen – über die Kanäle denken wir nach.

Es scheint gerade weit weg, aber es wird eine Zeit nach der Krise geben. Welche Spuren wird Corona hinterlassen, ahnen Sie das schon?

Fischer-Fels Die Ästhetiken werden sich auf jeden Fall verändern. Vielleicht entwickeln wir jetzt ein Stück, in dem die Darsteller auf Distanz bleiben. Wir werden es also mit einer veränderten Wahrnehmung von Körperlichkeit zu tun bekommen. Vielleicht auch mit Publikum, das weiter auseinander sitzt. Hörspiele, szenische Lesungen werden womöglich eine größere Rolle spielen. Wir müssen jetzt Geschichten erzählen, die davon handeln, wie man Krisen meistert, wie man Empathie empfindet. Wir erleben ja gerade, wie dünn die Oberfläche der Zivilisation ist, wie schnell Menschen nur noch an sich denken. Theater hat jetzt die Aufgabe uns zu erinnern, was es bedeutet, menschlich zu handeln.

Dafür kann auch der Gedenktag ein Anlass sein. Wer hat ihn erfunden?

Fischer-Fels Es gibt eine internationale Vereinigung der Kinder- und Jugendtheater, die Assitej, in deren Vorstand ich sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene ehrenamtlich mitarbeite. Diese Vereinigung hat bei ihrem 13. Weltkongress den Welttag ausgerufen, 2001 wurde er zum ersten Mal gefeiert.

Warum engagieren Sie sich in dieser Vereinigung?

Fischer-Fels Ich fand es interessant, mich zu vernetzen, um von Theatern in Oslo, Kapstadt oder Tokio zu lernen und auch eine Qualitätsdebatte zu führen. Wir diskutieren in diesem Zusammenschluss, wie Jugendtheater sich professionalisieren, verbessern und wie wir weiter und immer weiter neue Ausdrucksformen für Kinder entwickeln können. Jugendtheater hat früher was Finanzierung und Beachtung angeht am Katzentisch gesessen. In Skandinavien, Belgien und Holland war das schon immer anders. Da hatte junges Theater schon lange den Ruf, der eigentliche Ort des Experiments, der Innovation, der Publikumsorientierung zu sein.

Was haben Sie konkret aus anderen Ländern gelernt?

Fischer-Fels Die Stadt Düsseldorf hat zum Beispiel vor ein paar Jahren den kulturellen Schulrucksack erfunden – die Idee stammt aus Norwegen. Wir haben das über unsere Kanäle kennen gelernt und davon erzählt.

In welchem Ruf steht das deutsche Kinder- und Jugendtheater international?

Fischer-Fels Das deutsche Theater hat einen exzellenten Ruf, was auch damit zu tun hat, dass es hierzulande feste Häuser und Ensembles gibt. Zugleich gilt das deutsche Theater als sprachlastig, weil wir oft von der Literatur ausgehend arbeiten. Andere Länder sehen das vollkommen anders. Für Südafrikaner etwa ist Theater eine Mischung aus Musik, Tanz, Performance – es geht jedenfalls nicht nur um das Wort. Die schwedischen Theater wie Unga Klara haben sich viel früher an Tabuthemen wie den Tod gewagt. Solche Einflüsse haben wir aus unseren Erfahrungen im internationalen Verband auch nach Deutschland getragen.

Und was haben Sie in die Welt exportiert?

Fischer-Fels Unsere grenzenlose Neugier. Oder zum Beispiel die Idee, dass man auch im Kinder- und Jugendbereich Autorentheater machen kann wie wir etwa mit den Stücken von Lutz Hübner („Paradies“). Also auf der Grundlage von Texten, die ein relevantes Thema aufgreifen und speziell für junge Zuschauer geschrieben sind. Viele Stücke von deutschen Autoren werden von Polen bis Brasilien in Übersetzungen nachgespielt. Weil es sie gibt! Weil wir einen Kanon an Jugendstücken besitzen. Einen Schatz, der uns auch jetzt in der Krise helfen kann.