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Düsseldorf: Gerhard Richters demokratische Kunst

Düsseldorf : Gerhard Richters demokratische Kunst

Der berühmteste lebende deutsche Künstler hat 162 Editionen geschaffen. Die Sammlung Olbricht gastiert mit einem Teil in Düsseldorf.

Er ist Sammler und Jäger, Mäzen und Ausstellungsmacher mit eigenem Privatmuseum in Berlin. Thomas Olbricht ist vermögend, was er seinen Familienanteilen an der Wella AG verdankt und, seit er nicht mehr Aufsichtsratsvorsitzender bei Wella ist, ihn aus seinen erlernten Berufen ausscheren lässt.

Immer stärker rückt der Endokrinologe aus Essen, der Doktor der Medizin und promovierte Chemiker ist, mit seiner Kunstleidenschaft international in den Fokus.

"Als Kind wollte ich die ganze Welt sammeln", sagt Olbricht. Es begann mit Matchbox-Autos, Briefmarken und kostbaren naturwissenschaftlichen Präparaten, die er in einer eigenen Wunderkammer hortet. Besonders angetan hat es ihm unter seinen weit gefächerten Kunstpräferenzen offenbar Gerhard Richter. Wer Richter auf eine Stufe mit Picasso stellt, wird von Olbricht noch übertönt: Richter sei bedeutender als Picasso, sagt er, der insbesondere die Editionen des zweitteuersten lebenden Künstlers verfolgt und — bis auf eine Ausnahme — erworben hat.

Irgendwann habe er die Nähe zu Gerhard Richter gefunden und in dessen Editionen die Chance erkannt, "Komplettiertheit herzustellen". Da trafen zwei Männer mit ähnlichem Anliegen aufeinander. Einen wahren Richter-Schatz hat Olbricht zusammengetragen, dessen Wert heute unermesslich scheint. Über Preise redet er nicht.

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Einen Teil dieses Schatzes hat er nun für wenige Wochen in der Düsseldorfer Kunstsammlung ausgebreitet. Düsseldorf passt, weil der gebürtige Dresdner Richter seine prägendste Zeit in Düsseldorf verbrachte. Düsseldorf auch deshalb, weil Olbricht der Stadt und der Sammlung verbunden ist. Als vor einigen Jahren die große Richter-Retrospektive in Berlin lief, das erzählt die Direktorin der Kunstsammlung, Marion Ackermann, galt als Geheimtipp, sich bei Olbricht die Editionen anzuschauen. Nun ist in der Kunstsammlung NRW genau dies möglich in Kombination mit den sammlungseigenen Gemälden im Obergeschoss. Und es ist ein prächtiger Überblick geworden in der Grabbe-Halle. "Betty" ist da, der abgewendete leicht unscharfe Mädchenkopf, von 1991 als Offsetdruck. Das verwunschene Bild "Elbe" (2012), die kargen Siebdrucke "Haut" und die "1260 Farben" — darin setzte Gerhard Richter per Losverfahren die Ordnung der Farbtöne in ein Raster. An anderer Stelle sind die Farben haarfein übereinander gestrichen, die Linie ist noch dünner als ein Haar, vom Auge nicht erkennbar. Ganz erstaunlich, wie stark der Künstler in seinem Alter mit Computer und Zufall experimentiert.

Dies alles beweist, wie Richter sich der Zeit und ihren medialen Herausforderungen stellt. Er hat nie L'art pour l'art betrieben, sondern adäquate Mittel gesucht, um an seiner Zeit nicht vorbeizuschrammen. Irgendwann schuf er Tapisserien, vier an der Zahl. "Jetzt macht er auch noch in Teppichen", raunte es damals in der Kunstszene. Doch ist diese kostbare, 2009 entstandene Achter-Auflage eine Besonderheit. Darin hat der Künstler den Quadranten eines Gemäldes in achtfacher Spiegelung verarbeitet.

162 Editionen sind seit 1965 entstanden, Richter begann — zeitgleich mit Joseph Beuys — den Kunstbegriff zu erweitern und zu demokratisieren, Kunst sollte für ein breites Publikum erreichbar und erschwinglich sein. Ganz nebenbei hat er den Erlös vieler Editionen gespendet. Unendlich hat er den schöpferischen Akt ausgelotet. Niemand ist so modern wie Gerhard Richter.

Da macht auch das Sammeln Sinn, denn ohne Olbricht wäre diese Ausstellung nicht möglich. Das eine Werk, das ihm fehlt, bleibt für ihn unerreichbar, die "48 Porträts" wurden nur an Museen verkauft. Nach dem zweiten, das ihm fehlte, hat er jahrelang gejagt. Bis er Nummer eins des demnächst erscheinenden neuen Werkverzeichnisses erlangte, hatte er mehrmals die Fährte verloren. "Wolfi", der verwischte deutsche Schäferhund, war am Ende dann viel zu teuer. Das ist der Preis der Leidenschaft.

(RP)