Düsseldorf : Generation Selfie

"Maßlos schön" heißt das neue Stück der Bürgerbühne. Das Thema entspringt unserer Zeit. Das Smartphone ist eine feste Größe.

Viele leere Plätze gab es im Kleinen Haus des Central bei der jüngsten Uraufführung der Bürgerbühne. Am Tag vor der vielleicht spektakulärsten Premiere der Spielzeit, dem "Sandmann" am Gustaf-Gründgens-Platz, schenkten die treuen Abonnenten diesem neuen Ableger der Schulz'schen Theaterarbeit wenig Aufmerksamkeit. Eigentlich schade! Denn verdient hätte es die Aufführung, die von einem Laienensemble unter Regisseurin Suna Gürler erarbeitet wird und dann recht professionell auf die Bühne kommt.

"Maßlos schön" heißt das Stück der Bürgerbühne, und es berührt ein Thema dieser Zeit, das aktueller nicht sein könnte. Es schwappt mitten aus der Gesellschaft hoch: die Selfie-Manie mit Smartphones, die Kommentar-Spalte und das Mobbing in den digitalen Medien mit oft katastrophalen psychischen Folgen, die übertriebene Eitelkeit dieser Generation mit immer neuen Maximen und hoher Bereitschaft zu scharf geschnittenen Körperkorrekturen. Am Ende dieses ganzen grausamen Schönheitswahns steht die überhandnehmende Verzweiflung vieler Jugendlicher.

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Doch das Erregungspotenzial einer der offenbar wichtigsten Eigenschaften geht auch an der älteren Generation nicht vorbei. Denn jeder weiß: Schöne haben es im Leben leichter. Doch was ist schon schön, und wer gilt heute als schön? Selbst wer schön ist, findet sich oft nicht schön. Es ist eine vertrackte Angelegenheit, die von neun Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien erzählt und bewertet wird.

Die Klammer bildet das Laufen, zu blubbernden Beats machen die Darsteller sich anfangs erst einmal warm - fast so wie auf dem richtigen Laufsteg. Nur dieser hier ist nicht gekünstelt, nicht mondän. Die Damen und Herren sind gekleidet wie samstagsmorgens, wenn sie in den Supermarkt ziehen, um einzukaufen. Vielerlei Spiele folgen sodann, Interviews, Selbstbefragungen, auch Inszenierungen von Fratzen.

Da müssen Gefühle raus - selbst das Publikum wird beschimpft, "Wir haben erwartet, dass heute nur schöne Menschen kommen", sagt einer und weist auf die Zuschauer. Betroffenheit wird jedenfalls hergestellt. Das Smartphone spielt eine große Rolle dabei: Selfies werden an die Wand geworfen, per Photoshop korrigiert. Im Strobolicht windet sich die Gruppe, eine tiefe Stimme erklingt dazu: "Ich habe der Welt nicht versprochen, schön zu sein."

Schön findet sich niemand, so viel ist klar, doch jeder erklärt und positioniert sich dazu: Tim Sassen, 22, Joe Michaels, 67, Hilke Kluth, alterslos, Jonas Kemper, 27,Tamara Hoppe, 19, Alberto di Giorgi, 27, Viktoria Gershevskaya, alterslos, Ulrike Boldt, 45, und Lia - süße zehn Jahre alt. Das Mädchen bringt Natürlichkeit ins Spiel mit seinen Interviews und Späßen. Hochbegabt ist es, aus ihm wird sicherlich mal eine gute Schauspielerin. Ähnlich hohe Begabung kann man Tamara Hoppe nachsagen und Alberto di Giorgi, der dazu grandios tanzt.

Doch darum geht es nicht. Am Ende bewegen sie sich alle wieder auf ihrem Laufsteg - eine heterogene Selbsthilfegruppe, ein bunt gemischter Ausschnitt der Gesellschaft. Das Schönste am Stück: Es hat Wahrhaftigkeit. Und ist unbedingt empfehlenswert.

(RP)