Bilder der Zeit : Generation Gursky

Andreas Gursky hat die Fotografie revolutioniert. Seine Riesenformate sind die am teuersten gehandelten Fotografien der Welt. Der 57-jährige Akademie-Professor lebt und arbeitet in Düsseldorf. Im Museum Kunstpalast breitet er ab diesem Wochenende seine neue Ausstellung aus.

Mit einem Urlaubsbild fing alles an. Das war 1984. "Ich war noch sehr unsicher", erzählt Andreas Gursky. Damals war der Student der Düsseldorfer Akademie mit Freunden unterwegs am Schweizer Klausenpass. Seit Studienbeginn hatte er sich mit dem Thema der Figur beschäftigt. Nun stand er vor diesem rauen Bergmassiv. Oben karger Felsen vor blauem Himmel, die grün-braunen Wiesen von Schneestreifen durchbrochen. Ein paar Menschen in Rückenansicht verlieren sich auf und neben schmalen Pfaden - "unspezifische Figurengruppen".

Gursky fängt diesen hohen Berg ein. Den Bildbetrachter hält er auf Distanz und macht ihn gleichzeitig neugierig auf die winzig kleinen Details. Mikro- und Makro-Optik durchdringen einander auf seinen Bildern. Das ist eines seiner Markenzeichen. Es geht ihm nicht um Individuen, sondern um die Eingebundenheit des Menschen in den Raum, um die Bildung von Massen, Formationen.

Für ihn bedeutet die Arbeit "Klausenpaß" mehr als eine Landschaftsaufnahme, die "Zivilisationsverwaisung ausdrückt". Es ist ein Schlüsselbild. Denn mit ihm gelang ihm der farbige Aufbruch als Chronist seiner Zeit, der die Welt bereist, um die Wirklichkeit zu überprüfen.

Damals, das sagt Gursky, dachte er noch nicht an große Kunst. Auch nicht daran, dass knapp 20 Jahre später das kleine, von der Anmutung einer Ansichtskarte kaum unterscheidbare Foto für 13 000 Euro versteigert werden würde. "Ein sensationeller Preis" - wie das Auktionshaus Van Ham 2005 vermeldete.

Heute ist Andreas Gursky ein Superstar der internationalen Kunstszene. Seine Arbeiten werden für Höchstpreise gehandelt, nie zuvor wurden mehrere Millionen für Fotokunst bezahlt. Der Erfolg ist ihm unheimlich, aber nicht unlieb. "Ich kann damit umgehen, bin normal geblieben", lautet seine Selbstauskunft. "Meine Freunde bescheinigen mir, dass ich cool bin."

Andreas Gursky ist 1955 geboren, nach der Flucht der Familie aus der DDR in Düsseldorf aufgewachsen. Er gehörte zur Gruppe der Post-68er-Studenten. Viele von ihnen waren Träumer, lebten in Wohngemeinschaften, ließen sich politisieren und jobbten nebenbei für ihren Lebensunterhalt. Keinesfalls wollte der Sohn eines Werbefotografen in die Fußstapfen der familiären Vorbilder treten. Alles, was mit Kommerz zu tun hatte, war für die Generation Gursky ein rotes Tuch. Sozialpädagogik hatte der Zivildienstleistende im Sinn, da konnte man die Welt verändern. Bis ein Freund ihn auf die Idee brachte, sich an der Essener Folkwangschule zu bewerben. Der Wechsel von dort an die Düsseldorfer Kunstakademie beflügelte seine Entwicklung. Er wurde Meisterschüler bei Bernd Becher und lernte, die Fotografie neu zu bewerten und zu entwickeln.

Andreas Gursky hat wie auch seine prominenten Künstlerkollegen aus der "Düsseldorfer Photoschule" die Fotografie revolutioniert, ihre Formensprache erweitert, einen Funktionswandel eingeleitet. Doch am Anfang steht immer noch das reale visuelle Erlebnis, es bleibt Pate für die Bildfindung.

Bildbearbeitung am PC gab es in dieser exzessiven Form zuvor kaum. Gursky montiert verschiedene Aufnahmen und verdichtet sie in langen künstlerischen Prozessen. Er reduziert die Gesamtaussage. Je mehr Abstraktion, desto besser, sagt er. Er sucht extreme Standorte, liefert monumentale Panoramen. Stets strebt er das perfekte Bild an, gleichzeitig dehnt er die Zeit. Das Licht ist wichtigster Parameter. "Chirurgische Präzision" bescheinigte ihm unlängst ein Kunstkritiker. Andere werfen ihm kritiklose Glamourfotografie vor. In den USA lobte man seine "Ocean"-Serie nicht einstimmig, erstmals werden kritische Stimmen laut.

"Das Kamera-Auge kann kalt sein", sagt Gursky. Bis 1992 hatte er seine Fotos nicht digital bearbeitet. Aber als die PC-Technik eingriff, erweiterte sich das künstlerische Kalkül. Was zu völlig neuen Bildergebnissen führt. "Ein Foto ist heute oft eine gedruckte Datei, ein Pigmentdruck." Für manche Arbeiten, wie etwa diese "Ocean"-Serie, verwendet er Satellitenfotos als Vorlage. In Gurskys Weltmeeren steckt ein Stück von Google Earth.

Die Idee dazu kam ihm während eines nächtlichen Langstreckenfluges, beim Beobachten der Monitore mit Landmarken. Um die Welt als solch ein wunderbares, monochromes Bild wiederzugeben, hat er die Satellitenfotos zusammen gepuzzelt, die Kanten der Quadrate retuschiert, Tiefen und Untiefen ins tiefe Blau gebracht und sogar mitunter Ecken von Erdteilen verschoben. Wo keine Tiefenschärfe war, wurde sie nachträglich eingearbeitet.

Es ist längst nicht immer wahr, was Gursky zu einem Bild fügt, aber stets ästhetisch anregend. Er spricht von der Verführung des Blicks. Dieser Verführung erliegen seine Bewunderer, unter ihnen erstaunlich viele junge Leute.

Sein teuerstes Bild (4,3 Millionen Dollar) ist die streng gegliederte Aufnahme des Rheins aus dem Jahr 1999. Gursky sagt: "Er ist nicht mehr der Rhein, wenn ich ihn fotografiere, sondern der Prototyp eines modernen Flusslaufs geworden." Über drei Jahre hatte er beim Joggen das Wasser beobachtet, die Wolken geprüft, das Licht, die ölig glatte Oberfläche bei Westwind, die unglatte bei Ostwind. Den Hintergrund "bereinigte" er. Das karge Foto diente einst als Wahlplakat der SPD.

"Ein Bild ist gut, wenn es besteht über eine lange Zeit." Das betont der Künstler, der nur zehn Arbeiten in Sechser-Auflage pro Jahr herausbringt. Damit die Menschen die Gültigkeit seines Werks überprüfen können, hängt er "demokratisch" die Bilder knapp über dem Boden auf. So nähert man sich ganzkörperlich, sieht immer mehr Details. Im Idealfall springt oder taucht man ein in den Gursky-Kosmos.

Wie das alles weitergeht mit Gurskys Kunst, bleibt abzuwarten. Die Technik hat er maximal ausgereizt. Er verspürt neuerdings Sehnsucht nach der guten alten Fotografie.

(jco)