Künstler Julian Schnabel in Düsseldorf: Gegen die Sehgewohnheiten

Künstler Julian Schnabel in Düsseldorf : Gegen die Sehgewohnheiten

Julian Schnabel stellte in Düsseldorf seinen neuen Film und neue Kunst vor.

Die Stadt Düsseldorf ist um ein Kunstwerk im öffentlichen Raum reicher – zumindest für ein Jahr. Vor dem nicht minder monumentalen Gerichtsgebäude in der Altstadt reckt sich sechs Meter hoch ein weißes und sehr phallisches Monstrum namens „Ahab 1“ empor, eine Leihgabe des Galeristen Dirk Geuer. Darunter kniet gerade der Künstler und erklärt aufgebracht einem Mitarbeiter, wie die sechs Tonnen schwere Bronzeskulptur ausgerichtet werden solle. Um ihn herum steht in der gleißenden Frühlingssonne eine Meute aus Fotografen, eingeladenen Gästen und Schaulustigen bei Fingerfood und Macarons. Denn der Künstler ist ein echter aber auch umstrittener Star der Kunstszene: Julian Schnabel.

In den 1980er Jahren wurde der New Yorker mit seinen Bildern aus gebrochenen Keramikresten bekannt, seit den 90er Jahren hat er dazu sechs von der Kritik gelobte Spielfilme, meist Künstlerbiographien, gedreht. Sein neuer Film „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ wird kommende Woche in deutschen Kinos anlaufen. Der überragende Willem Dafoe gibt den innerlich zerrissenen Künstler; vollkommen zu Recht erhielt er bei den Filmfestspielen in Venedig für seine Darstellung die Coppa Volpi als bester Schauspieler. Der Seelenzustand van Goghs wird durch verwackelte Kamerafahrten verdeutlicht. Immer wieder schwenkt die Kamera abrupt vom Geschehen in die Weite der südfranzösischen Landschaft oder wechselt schnell und ohne Schnitt von einem Schauspieler zum anderen. Das ist kein Film aus dem Lehrbuch, vielmehr werden die Sehgewohnheiten der Zuschauer mächtig herausgefordert. Denn durch die wilde Kamera färbt sich in manchen Szenen der labile Gemütszustand van Goghs auf den Zuschauer ab.

Die Idee zu diesem sehr eigenen Künstlerportrait sei ihm bei einem Besuch des Musée d‘Orsay mit Luis Buñuels langjährigem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière gekommen, erzählt Schnabel in einer ruhigen Minute. Ganz der Regisseur hatte er zu Beginn der Einweihung seiner Bronzeskulptur erstmal strenge Anweisung an Fotografen und Besucher gegeben. Nun sitzt er im Schatten vor dem Andreasquartier, unter seinem Jacket lugt ein selbstgemachtes T-Shirt mit dem Konterfei des chinesischen Künstlers Ai Weiwei hervor, seine offenen Stiefel sind voller Farbflecken. Einmal im Redefluss, erzählt er von wunderbaren Besuchen beim Düsseldorfer Künstlerehepaar Imi und Carmen Knoebel, und wie sie gemeinsam die Trauer über den Tod des gemeinsamen Freundes Blinky Palermo überwunden haben.

Noch viel lieber erzählt er von den Dreharbeiten zu seinem neuen Film. Wie van Gogh ein Bild spontan und ohne Pause gemalt hat, seien die Dreharbeiten gewesen. Schnell und ohne viele Wiederholungen. So sehe man in den bis zu elf Minuten langen Szenen ohne Schnitt jeweils den ersten Take. Und in der Tat macht diese Herangehensweise die Faszination dieses Films aus, denn so hätte wohl van Gogh auch gedreht: schnell, spontan und mit strahlenden Farben. Nach rund einer Stunde geht es für Schnabel zum nächsten Termin, andere Künstlerfreunde treffen.

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