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Toten Hosen in der Düsseldorfer Tonhalle: Gegen das Vergessen: Punk trifft Klassik

Toten Hosen in der Düsseldorfer Tonhalle : Gegen das Vergessen: Punk trifft Klassik

Mit dem Sinfonieorchester der Robert-Schumann-Hochschule gaben die Toten Hosen drei Konzerte in der Düsseldorfer Tonhalle. Sie erinnerten an die NS-Propaganda-Ausstellung "Entartete Musik", die 1938 in Düsseldorf stattfand.

Der Mantel der Geschichte ist an diesem Abend tiefbraun, die T-Shirts der Gegenwart sind schwarz und tragen die Embleme von Skeletten — Totenkopf, Knochen, ein Gerippe des Reichsadlers. Zum Gruseln ist das nicht, eher zum Erwachen. In der Düsseldorfer Tonhalle sitzen zahllose Fans der Toten Hosen, und auf die Liebesgaben der Idole müssen sie heute verzichten.

Die Band um Sänger Campino unterstützt diesmal ein einzigartiges und politisch dringliches Projekt — die Erinnerung an die Düsseldorfer NS-Propagandaschau "Entartete Musik" aus dem Jahr 1938, mit der die Nazis die Allee der Menschenverfolgung mit der Leitplanke der Zensur sicherten. Klänge von Juden, Zigeunern, Homosexuellen, Zwölftönern, Jazzern, Bolschewisten — alles unerwünscht und der völkischen Hygiene höchst abträglich.

Nun also schwebt der Geist der Toten Hosen in einem größeren Rahmen, abgesteckt haben ihn kluge Dozenten der Düsseldorfer Robert-Schumann-Musikhochschule. Mit deren Sinfonieorchester unter Rüdiger Bohn musizieren Campino & Co., als sei Crossover immer ihr Ding gewesen. Songs der Zwangs-Exilanten Kurt Weill und Hanns Eisler, Häftlings-Lieder ("Die Moorsoldaten"), Lyrik von Erich Kästner ("Stimmen aus dem Massengrab"), ein KZ-Wiegenlied, Klezmer-Traurigkeit und Jiddisch-Intensität, daneben die frivole Pointiertheit der Comedian Harmonists — Campino, Kuddel, Andi, Breiti und Vom wachsen in den Abend wie Chorknaben herein, deren Andacht sich in heilige Empathie verwandelt.

Wenn auf der Bühne schier kein Zentimeter Platz mehr ist, muss so ein Abend etwas Improvisatorisches haben. Man fragte sich ja auch, ob die jungen Virtuosen einer Musikhochschule und die holzgeschnitzten Prinzen einer Punk-Band überall zusammenpassen. Kurios: Sie harmonieren, als hätten sie nie etwas anderes getan. Der famose Arrangeur Hans Steingen hat sämtliche Lieder orchestral gestreckt, verfeinert, aber wir erleben keinen Glibber, keinen Zuckerguss, sondern eine Verdichtung der Aura. Und als der junge Cellist Alexander Kovalec bei "Willkommen in Deutschland" mitten in der Band sitzt und seinen Ton wie eine schwere Rose zum Erblühen bringt, hält der Saal den Atem an. Für Sekunden sieht es aus, als wollten die Toten Hosen einen sechsten Mann unter Vertrag nehmen.

Der Beginn ist etwas zäh. Korngolds Musik zum Film "Herr der sieben Meere" entpuppt sich als Nuss-Nougat-Creme aus einer Hollywooder Schokoschleuder. Doch schon die Songs aus der "Dreigroschenoper" zeigen, dass es für die Toten Hosen von heute und Weills Musik eine Schnittstelle gibt: den Gestus des Rotzigen, Unzivilisierten, Ungebärdigen. Campino singt Mackie Messers Moritat wie einer, der mit dem legendären Nimbus dieser Nummer ironisch spielt und ihr trotzdem nichts von ihrer visionär-proletenhaften Dimension nimmt. Neben Campino, dem Haifisch mit Punker-Zähnen und aggressiver Dringlichkeit im Timbre, wirkt die zarte Sopranistin Linda Hergarten wie die Schöne neben dem Biest. Im ungleichen Duo herrscht aber Spaß.

Was das Hochniveau betrifft: Großen Effekt macht der Frontsänger weiterhin, als er mit vier meisterlichen Gesangsstudenten der Hochschule das "Ich muss heute singen" der Comedian Harmonists absolviert — mit einem Augenzwinkern, aber auch mit schöner Genauigkeit und Präsenz. Halt ein Profi unter Profis. Campino muss das schwer gebimst haben, und hernach sieht er aus wie ein Kletterfex, der in den Alpen rumkraxelt und versehentlich die Nordwand des Eiger meistert.

In den Rang einer Mutprobe katapultiert den Abend die Ankündigung, Campino werde die Sprecherrolle in Arnold Schönbergs Oratorium "Ein Überlebender aus Warschau" übernehmen. Geht das gut? Nun, wie Campino mit schneidendem Ton den Feldwebel gibt, der Häftlinge für die Gaskammer abzählen lässt, das hat eine brüllende, mehr noch: suggestive Kraft, dass sich ins Schaudern über die akustische Szene ein Staunen über die Sensibilität des Künstlers mischt.

Im Saal eine wahrhaft eigenartige Stimmung. Im vollen Ornat kämen einige Hardcore-Fans der Hosen (inklusive Schnäpsken in den Socken), wenn die Band bei irgendwelchen Bistumsfeierlichkeiten im Kölner Dom aufträte. Aber die spaßbereite Gesinnung wandelt sich in mehr als nur Neugier. Mancher wird wider Willen leise, weil er begreift, wie wichtig es allen auf der Bühne ist, uns für ihr Thema zu entzünden — für eine Musik, deren Komponisten viele nie kennenlernten, weil sie im Gas ermordet wurden.

Am Ende dann die Hosen pur, doch mit sinfonischer Assistenz — es sollte gut gehen, und es ging gut. Nett ist auch das Finale nicht: Eine Zugabe von Campino und seinen 90 Verstärkern ist der Flüchtlingssong "Europa". Er ist so aktuell, dass er auch "Lampedusa" heißen könnte.

Tumulthafter Beifall. Der Abend ist politisch korrekt, aber das war er schon vorher. In Wirklichkeit geht er zu Herzen, weil in seinem ehrgeizigen Sammelsurium etwas aufscheint, das leicht in Vergessenheit gerät: Haltung.

(RP)