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"Fürstenplatz": Film von Medienkünstler Harkeerat Mangat

Kunstprojekt von Harkeerat Mangat : Filmcollage über den Fürstenplatz in Düsseldorf

Der kanadische Medienkünstler Harkeerat Mangat zeigt seinen Film über den Fürstenplatz auf der Museumsinsel Hombroich. Das Werk hat einen anthropologischen Ansatz. Der Klang und die Menschen stehen im Mittelpunkt.

Der Dichter Bertolt Brecht setzte in seinem epischen Theater auf den Verstand des Publikums, um die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Situation zu ändern. Die Erkenntnis stellte sich jedoch nicht ein, Brecht musste vor den Nazis fliehen. Jetzt versucht es der Film- und Medienkünstler Harkeerat Mangat auf leiseren Sohlen. Sein Film vom Fürstenplatz ist eine Fallstudie, in der Anlieger und Ladenbesitzer ihre kreativen Entscheidungen selbst treffen und scheinbar die sozialen und historischen Strukturen vor Ort mitliefern. Als Regisseur verbindet er Menschen, bleibt aber als Fremder im Hintergrund und begnügt sich mit der Rolle des Arrangeurs. Für diese den Alltag feiernde Grundeinstellung wird er mit Preisen überhäuft. Ab 4. September zeigt er „Fürstenplatz“ auf der Museumsinsel Hombroich.

Der 31-jährige Kanadier mit indischen Wurzeln ist Sänger und Medienkünstler. Er machte in Vancouver den Bachelor für Film und Medien, wurde in Düsseldorf Meisterschüler von Christopher Williams und ist Studioleiter des Akademieprofessors. Doch zugleich tritt er als Dhrupad-Vokalist auf, etwa im ehemaligen Studio von Kraftwerk oder im Lantz'schen Park, wo er in der Begräbniskapelle selbst hartgesottene Verwaltungsbeamte mit seinen melodischen Ragas emotional berührte. Er selbst erklärt: „Die Stimme des Druhpad-Sängers ist getragen. Sie wird ohne Stress und ohne Druck in einer einzigen Melodielinie vorgetragen. Es ist aber keine religiöse Musik.

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Seit 2010 lässt er sich im altindischen Gesangsstil ausbilden und fliegt dazu regelmäßig nach Indien. Weil die Route von Düsseldorf nach Indien einfacher ist als von Vancouver, kam er 2015 nach Düsseldorf und blieb. Aber es geht ihm nicht nur um das Erbe seiner Vorfahren. Er möchte auch die deutschen Zuschauer dazu bringen, über ihr eigenes Erbe nachzudenken. So entstehen seine Projekte, für die ihn Julia Stoschek, die Kunstvereine in Bonn und Düsseldorf und die Sparkassen Kulturstiftung-Rheinland auszeichnete. Für „Fürstenplatz“ fördert ihn die Filmstiftung NRW. Was die Geldgeber begeistert, ist der anthropologische Ansatz seiner Kunst.

Mangats Aha-Erlebnis waren die Aufzeichnungen des französischen Filmemachers und Ethnologen Jean Rouch zu seinem Film „Chronique d'un été“. Rouch beschäftigte sich in den 1960er Jahren mit den Umbrüchen in Afrika, arbeitete mit einem Soziologen zusammen und ließ er die Afrikaner als Selbstdarsteller auftreten. Diese „Aufrichtigkeit“ strebt auch Mangat an, indem er die anthroposophische Technik für die Menschen im Westen anwendet. Er sagt: „Als Ausländer weiß ich ja viel weniger über die Leute vom Fürstenplatz als sie selbst. Ich habe Erfahrungen in Film, Musik und Kultur, aber ich spreche kein Deutsch. Ich kann nur ein Angebot machen.“

Eigentlich sei der Fürstenplatz „klein, banal und gewöhnlich.“ Sein Vorteil seien die Aktivitäten am Rand, die Shops, Cafés, Bars, Eisdielen, Pizzerien, der Schuhmacher und der Puppenspieler. Er wohnt seit vier Jahren unweit vom Mintropplatz und beobachtet die Gentrifizierung vor Ort. Was ihn, den Musiker, interessiert, sei der Klang. Der Film startet mit der Marschmusik der Schützen, führt über den sonoren Glockenschlag der Antonius-Kirche zum Quietschen der Straßenbahnen bis zum Schnattern der Gäste und der Schubert-Arie vom Heidenröslein, die eine Sängerin im Belcanto vom Balkon schmettert. Den Abgesang in der musikalischen Begleitung macht der Leierkasten des Kasperle.

Als er im Vorjahr den Aufruf zum Casting startete, bewarben sich 250 Leute und wurden zum Vorsprechen eingeladen. Er wollte herausfinden, wer kommuniziert, ein Zeitgefühl und ein Gefühl für den Rhythmus hat, denn jede Szene dauert nur eine Minute. All diese Merkmale nimmt er aus der Musik und nutzt sie für die realistische Darstellung. Was die Leute spielen, ist ihre Sache. Es wurde aber diskutiert, was sie besser machen könnten. 60 Personen machten schließlich mit.

So ist der Film eine Collage aus 30 kurzen Sequenzen und wirkt als Ganzes wie eine musikalische Improvisation. Jede Szene besteht aus einer einzigen Kamerabewegung für die Spieler und das Geschehen auf dem Platz im Hintergrund. Die Dialoge drehen sich um Weißbrotkultur, Tanzlehrer, Tunisreise und Vanille-Eis. Die Physiotherapeutin Heike Marx, die seit 20 Jahren am Fürstenplatz arbeitet und zur dortigen Bürgerinitiative gehört, massiert mit Wonne einen schlanken Rücken. Und ein armer Teufel klagt über das Mobbing seines Abteilungsleiters. „Auch wenn der Film hysterische Charaktere, künstliche Soundeffekte und leuchtende Farben hat, hat für mich aufgrund seiner Machart alles mit Realismus zu tun“, so Mangat.

Die Szenen sind brillant gedreht. Vom Atelier des Thomas Schütte in der zweiten Etage ist die Totale gezoomt. Wie auf dem Trampolin springt ein Komiker als Klempner auf den Brunnenrand, neben sich die kolossale Bronzestatue eines heldischen Industriearbeiters aus der Zeit von Stahl und Eisen. Der Pfarrer berichtet mit andächtiger Stimme von der Steinigung des Heiligen Stephan, und eine junge Frau erzählt, wie sie ihr Kind zur Adoption freigegeben hat.

Der Regisseur, der zugleich für Schnitt und Ton verantwortlich ist, gibt sich lässig: „Da ich der deutschen Sprache nicht mächtig bin, verstehe ich weder das Drehbuch noch weiß ich, wie der Film vom deutschen Publikum aufgenommen wird. In mancher Hinsicht liegt das Projekt außerhalb meiner Kontrolle. Das ist alles sehr aufregend für mich.“

Um zu wissen, was die Zuschauer denken, lädt er zum Sommer-Kultur-Fest ins Haus der Musik in Hombroich, bei dem der Film läuft Dabei werden die Zuschauer und Akteure im Publikum gebeten, nun ihrerseits den Film zu kritisieren. Am liebsten wäre ihm, sagt er allen Ernstes, wenn die Journalistin auch käme, um das Publikum nach seinen Erfahrungen zu fragen. Ein bisschen episches Theater darf es also selbst bei Mangat sein.