Früheres Schauspielhaus in Düsseldorf: Wo Gründgens noch eine Garderobe hatte

Früheres Schauspielhaus in Düsseldorf : Wo Gustaf Gründgens noch eine eigene Garderobe hatte

Der Schauspieler Wolfgang Reinbacher hat die Zeit des Übergangs im Düsseldorfer Schauspiel als junges Ensemblemitglied miterlebt. Der Wechsel von der Jahnstraße zum Gustaf-Gründgens-Platz war fließend.

Als Wolfgang Reinbacher am 1. August 1960 sein erstes Bühnenengagement antreten wollte, lief er vom Bahnhof zum Schauspielhaus in der Jahnstraße, dem ehemaligen Operettenhaus, das ihn eher an eine Mitfahrzentrale erinnerte als an einen Musentempel. Der Absolvent des Max-Reinhardt-Seminars wurde aber nicht reingelassen. Vielmehr schickte ihn der Pförtner fort mit Verweis darauf, dass die Spielzeit erst sieben Tage später begänne.

Karl-Heinz Stroux hatte den 21-Jährigen aus Wien nach Düsseldorf verpflichtet. Stroux – der Prinzipal – war in Nachfolge von Gustaf Gründgens mit 17 Jahren Intendanz eine Legende, von den einen hochverehrt, von anderen kritisiert wegen mangelnder Bereitschaft zum politischen Aufbruch. In „Richard III.“ würde Reinbacher, der Debütant, eine kleinere Rolle übernehmen. „Naturbursche aus der Steiermark“ stand in seinem Profil, als Fach gab er auch „jugendlicher Liebhaber“ oder „Komiker“ an.

Heute ist Wolfgang Reinbacher 81 Jahre alt, gesegnet mit Schaffenskraft und einem phänomenalen Gedächtnis. Bevor er am Abend Gott im Schauspielhaus spielen und zwei Tage drauf Opernwiederaufnahme in Duisburg feiern wird, lässt er bei selbstgebrautem Kaffee die Zeit von vor 50 Jahren lebendig werden, als sich der Wechsel von der Jahnstraße ins weiße Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz vollzog. „Wir probten im neuen Haus und spielten im alten. Es war ein fließender Übergang.“ Seine letzte Aufführung in der Jahnstraße, 1969, war „Die Kassette“ von Carl Sternheim. Das Besondere: Theo Lingen spielte eine Paraderolle. Für Reinbacher das ganz Besondere: Nun stand er neben dem Helden seiner Kindertage auf der Bühne.

70 Schauspieler zählte man damals im Ensemble, Gastspiele führten nach Paris, Florenz und zum Berliner Theatertreffen. Stroux holte Bühnenstars nach Düsseldorf wie Elisabeth Flickenschildt, O. E. Hasse oder Ewald Balser. Und er setzte auf Uraufführungen, nicht nur von Lieblingsautor Eugène Ionesco, von dem fast alle Erstaufführungen in Düsseldorf herausgebracht wurden. Nächtelang habe man damals Canasta gespielt – in Starbesetzung – in der Rheinallee. Auch Ionesco war dabei. Sein Lieblingsspruch: „Ich bringe die Karten mit, und Sie besorgen den Whiskey.“

Heinrich Böll war dabei, als man für die Eröffnung am Gründgens-Platz seinen Roman „Ansichten eines Clowns“ zur Uraufführung brachte. Reinbacher schlug ihm während der Proben einen neuen Schluss vor. Er meinte, Böll solle einen Akzent setzen mit der liturgischen Formel „Ite, missa est“. „Herr Reinbacher, hören Sie doch mit der Ite-missa-est auf“, hört er den Kölner Autor noch schimpfen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, den Vorschlag umzusetzen. „Ein Promill Nobelpreis habe ich auch“, sagt Reinbacher.

Der Umzug in ein mit moderner Technik ausgestattetes Haus bedeutete den Einzug der Digitalisierung. Elektronik statt händischem Tun. Früher gab es keinen Durchruf und keine Monitore in den Garderoben, so mussten die Schauspieler aufpassen, wann ihr Auftritt war. Immer wieder kam einer zu spät. Auch Reinbacher hat den Götz von Berlichingen einmal zu Improvisationen auf der Bühne veranlasst, was ihm Ermahnungen des Inspizienten einbrachte.

Abends nach der Vorstellung ging man zu Paul, schräg gegenüber. „23 Uhr fielen wir in seine Kneipe ein,“ erinnert sich Reinbacher, „um ein Uhr war Zapfenstreich. Fünf Glas Uerige gab es für 1,60 Mark, der Halve Hahn kostete 32 Pfennig. Man gab großzügig acht Pfennige Trinkgeld und kam so mit zwei Mark am Abend hin.“ Sein Anfängergehalt betrug 450 Mark. Für Abstecher gab es 15 Mark. Premierenfeiern waren anders als heute ein Ereignis. „Wir kamen festlich gekleidet zusammen in einem Restaurant oder im Goethe-Museum.“

Im alten Haus gab es eine persönliche Garderobe von Gustaf Gründgens, er hatte sogar einen Privatausgang. Stroux hatte sich hingegen einen Stellplatz gegönnt, auf dem eines Tages ein Jaguar-Oldtimer mit Berliner Kennzeichen stand. So wie der Autobesitzer, Romy Schneiders späterer Ehemann Harry Meyen, nicht dort hätte parken, so hätte er schon gar nicht Regisseur vom „Hauptmann von Köpenick“ werden dürfen. Alles war ein Irrtum, der Chefdramaturg sollte Robert Meyn in Hamburg und nicht den Boulevardregisseur Meyen vom Kurfürstendamm anrufen. „Harry, was machst du denn hier?“, soll Stroux gefragt haben, erst peinlich berührt, dann aber willens, das Ganze zu einem guten Ende zu bringen. Stroux, die Respektperson, der Patriarch mit Schauspielinstinkt („Ihr müsst ins Blühen kommen!“), ließ Meyen den Hauptmann inszenieren. „Zufrieden war Stroux eh nie“, sagt Reinbacher im Rückblick.

Wolfgang Reinbacher als Gott in einer Szene aus „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“. Foto: Sandra Then

Im neuen Haus vermisst Reinbacher die Ränge. „Im Pfau-Bau bleibt das Publikum auf Distanz, in der 24. Reihe ist man verloren.“ Solch ein Rang ist wichtig für des Mimen schönste Erinnerung. Er war jung, 21, und er saß hoch oben im Theater Jahnstraße, den Blick auf die Bühne geheftet, wo Eva Böttcher, damals 30, spielte. „Ich habe ihr ganzes Dekolleté durchleuchtet“, erzählt er, und dass man sich ineinander verliebt habe und die 51 darauffolgenden Jahre zusammenblieb (sie starb vor acht Jahren). Böttchers Bedenken wegen des Altersunterschiedes habe er zurückgewiesen, das Leben habe sie die Unendlichkeit einer Liebe gelehrt.