Düsseldorf: Esther Kinsky ist ein Glücksfall für Leser

Düsseldorf: Esther Kinsky ist ein Glücksfall für Leser

Gestern wurde die Autorin und Übersetzerin mit dem Düsseldorfer Literaturpreis geehrt. Heute Abend liest sie im Heine Haus.

Darf man's sagen, ohne die früheren Geehrten gleich zu düpieren? Dass nämlich Esther Kinsky unter den Düsseldorfer Literaturpreisträgern - immerhin waren es 16 vor ihr - zu den überzeugendsten gehört. Natürlich sind Vergleiche stets ungerecht. Weshalb dieser der Einsicht geschuldet ist, dass die 61-jährige Autorin und Übersetzerin als Glücksfall gelten darf: für die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse, die den mit 20.000 Euro dotierten Preis vergibt, für die aktuellen Literaturtage, vor allem aber für die Leser. "Hain" ist ein ungeheuerliches Buch, das seinen Untertitel "Geländeroman" keineswegs dem Wunsch nach Originalität verdankt, sondern wirklich ein Erlebnis ist, eine Entdeckungsreise.

Bereits im Februar hatte die Jury ihre Wahl getroffen, und dass sich gestern Literaturkritiker Hubert Winkels nicht mehr an eine kontroverse Debatte so recht erinnern konnte, lässt vermuten, dass die Entscheidung vergleichsweise leicht gefallen ist. Kurze Zeit später gewann Kinsky mit dem Roman dann auch den Leipziger Buchpreis; weitere hohe Ehrungen in diesem Jahr sind nicht ausgeschlossen.

Die Faszination des Buches ist seine Unergründlichkeit. Der Roman ist viel: eine Italienreise zunächst, die den Ballast der großen Italienreisen in der deutschen Literatur allenfalls am Wegesrand zu bedenken scheint, eine Erinnerung an die Kindheit, eine Reise nach dem Verlust eines Menschen, ein Triptychon dreier Versuche über das Leben. Man kann es so groß sagen, ohne sich dabei zu verheben.

Alles in diesem alten und vielen so bekannten Italien ist neu bei Esther Kinsky. Weil das Buch eine Ich-Geschichte in ihrer radikalsten Bedeutung ist: Ich ist die Geschichte. Fast in jedem Satz taucht es auf, sehr oft gleich am Anfang. Das Ich behauptet sich, drängt sich nach vorn, gibt den Takt vor, bestimmt auch unsere Perspektive. Ohne dieses Ich gäbe es dieses Italien nicht - mit seinen unscheinbaren Winterdörfern, den brennenden Gehölzhaufen, den gräberpflegenden Frauen, den gelangweilten Schustern und den Alten, die sich beim Sonnenschein aus den Häusern trauen und wie Eidechsen auftauen. Alles wird hier zum Gelände, das "ein offener Ort ist, der anders als die Landschaft keine Erwartung an die Form weckt", so Esther Kinsky gestern vor der Preisverleihung. Das Faszinierende auch an diesem Buch ist, das zwar detailliert eine Welt vorstellt, aber dabei nie dokumentarisch ist. Die Wahrnehmung entzieht sich trotz aller Intensität der Festlegung. So deutlich und erkennbar dieses Italien uns vor Augen steht, so unbegreiflich muss es bleiben.

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Und so schön ist es in der Sprache von Esther Kinsky. Von "streiklängigen Gesprächen" ist die Rede und von einem "entwinterten" Gelände, das in "Vorfrühlingsbesitz genommen" wird. Kinsky ist auch eine Sprachschöpferin, was bei der Erschaffung einer neuen Welt nur logisch zu sein scheint. Dass sie als Übersetzerin - etwa aus dem Polnischen, Russischen, Englischen - an Sprachgrenzen kommt und diese immer wieder zu überwinden versucht, eröffnet dann auch der deutschen Sprache neue Möglichkeiten. Zum ihrem offenen Geländeroman gehört die Geländesprache.

Das alles klingt etwas hermetisch und weltabgewandt. "Das Poetische liegt mir am Herzen", betont Kinsky, "aber die Welt auch". Auf bestimmte Art sei darum ihr Buch politisch - wie die Beschreibung der Flüchtlinge in "Hain", die in diesem Europa umherirren, "all die Afrikaner, die Schreckliches erlebt haben". Und furchtbar sei es, wie die mediterranen Länder und insbesondere Italien "unglaublich allein gelassen" würden. "Ich kann es anders einfach nicht sehen", sagt sie.

Von Fremde und dem Wunsch, anzukommen, erzählt unterschwellig auch "Hain". Auf besondere Weise unbestimmt ist auch das Leben der in Engelskirchen geborenen Preisträgerin - mit Lebensstationen in Bonn und Toronto, ein paar Jahre London, zuletzt Berlin, Ungarn und Österreich. Sie fühle sich an vielen Orten zuhause und ein bisschen fremd zugleich. "Ich genieße das", sagt Esther Kinsky. Doch andererseits beneide sie all die Menschen, die "ein tiefes Zugehörigkeitsgefühl zu einer Region empfinden".

Der Roman ist auch in diesem Sinne eine Schule: eine Erkundung des offenen Geländes, das wir das Leben nennen. Hain ist das Buch unserer Zeit, Esther Kinsky ein Glücksfall für Leser.

(los)