Düsseldorf: Erst Baby, dann Bühne

Düsseldorf : Erst Baby, dann Bühne

Tanja Schleiff hat im August ihren Sohn Hugo zur Welt gebracht. Jetzt steht sie wieder im Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses. Ihre Rolle in den "Sisters of Swing" musste sie per Video lernen.

Die Babys zweier Schauspielerinnen aus dem Düsseldorfer Ensemble wirbelten in jüngster Zeit die Besetzungspläne ganz hübsch durcheinander.

Das eine heißt Hugo, kam im August zur Welt und ist das dritte Kind von Tanja Schleiff und René Heinersdorff, Chef des "Theaters an der Kö". Das andere muss noch eine Weile darauf warten, von Anna Kubin geboren zu werden. Deren Mutterschutz hat kürzlich begonnen, der von Tanja Schleiff geht gerade zu Ende. Deshalb übernimmt sie nun ab 2. November in "Sisters of Swing" von Anna Kubin die Rolle der LaVerne.

"Als das Angebot von Günther Beelitz kam und ich beglückt zusagte, war ich schwanger und der Termin im Herbst ganz weit weg", erzählt sie und lacht. "Wie anstrengend dieses Stück für mich werden würde, war mir damals keineswegs klar. Heute weiß ich, was ich mir damit aufgehalst habe. Aber natürlich freue ich mich sehr darüber, auf der Bühne wieder einmal singen zu dürfen. Das hatte ich mir schon lange gewünscht."

Bei aller Leichtigkeit ist "Sisters of Swing" ein höllisch schwerer Brocken. Die Theatergeschichte über die amerikanischen Andrews Sisters, die in den 30er Jahren zu Weltstars wurden und allein von ihrem Ohrwurm "Bei mir bist du schön" 90 Millionen Platten verkauften, ist mit anspruchsvollen dreistimmigen Arrangements unterlegt.

"So schwungvoll und einprägsam die Schlager auch sind, sie stecken voller Tücken", sagt Tanja Schleiff. "Dazu musste ich mir die Choreografien einprägen. Und dann ist es gewiss nicht einfach, in ein mittlerweile gut geöltes Ensemble einzusteigen."

Kaum zu glauben, dass lediglich zwei Bühnenproben mit ihren Partnerinnen Klara Deutschmann und Katrin Hauptmann anberaumt sind, bevor es ernst wird für Tanja Schleiff. Aber trotz aller Widrigkeiten überwiegt bei der Schauspielerin die Begeisterung über diesen tollen Start nach der Babypause. Davor hatte sie in der Titelrolle "Iphigenie auf Tauris" geglänzt und sich dabei in immer weitere Gewänder gehüllt. Jetzt wiederum versinkt sie in den auf Zuwachs berechneten Kostümen von Anna Kubin.

Man stelle sich einmal vor, wie das Projekt "Mutter hilft Mutter" ins Rollen kam: Tanja Schleiff übte ihre Songs mit Hilfe eines CD-Mitschnitts der Düsseldorfer Inszenierung von Dirk Diekmann ein.

Über eine Videoaufnahme machte sie sich mit den Abläufen auf der Bühne vertraut. Und während sie daheim in Lörick verzwickte englische Liedertexte paukte und knifflige Melodien vor sich hinträllerte, musste sich das Familienleben mit dem neuen Säugling einpendeln. Es gibt ja auch noch Oscar (5) und Carla (2), die ihre Mutter brauchen. "Da kommt es schon einmal vor, dass einen Müdigkeit überfällt und man Probleme hat, die richtige Konzentration zu finden", gibt Tanja Schleiff zu.

Sich in ihre Rolle als älteste Schwester des Trios so richtig einzufühlen, war ihr in dieser knappen Zeit gar nicht möglich. "Das passiert dann erst beim Spielen, dass ich mir etwas Eigenes erkämpfen kann", vermutet sie. "Vorerst orientiere ich mich an dem, was Anna gemacht hat. Für mich ist es am wichtigsten, mit den anderen mithalten zu können. Das Stück kommt beim Publikum gut an, schon deshalb darf das Niveau nicht leiden." Grundsätzlich aber fällt ihr das Singen auf der Bühne leicht, und reichlich Erfahrung hat sie damit auch gesammelt. Das Rockmusical "Black Rider" zählt dazu, die "Polly" in der "Dreigroschenoper" oder der Wittenbrink-Abend von Ovids "Metamorphosen" an den Münchner Kammerspielen.

Der "Sisters of Swing"-Abend ist nicht die einzige Herausforderung, die Tanja Schleiff derzeit bewältigen muss. In dieser Woche und damit nur wenige Tage vor ihrer Düsseldorfer Premiere reiste Tanja Schleiff noch schnell nach Prag, alle drei Kinder und die Nanny im Schlepptau. Dort dreht sie mit Regisseur Sönke Wortmann, in Häppchen über drei Monate verteilt, den historischen Fernseh-Sechsteiler "Charité" über die Geschichte der legendären Berliner Klinik im früheren Ostteil der Stadt und hat eine durchgehende Rolle als Wärterin.

"Das wird sicher spannend", vermutet sie. "Und das Beste daran - auch meine Kollegin Klara Deutschmann spielt mit und ist ebenfalls in Prag dabei. Das dürfte enorm hilfreich für mich sein. Denn so können wir in den Drehpausen wenigstens zu zweit für die Songs der Andrews Sisters üben."

(RP)
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