Ehrenhof-Preisträger Aurel Dahlgrün: Leichter Seegang im Museum

Ehrenhof-Preisträger Aurel Dahlgrün : Leichter Seegang im Museum

Der 29-jährige Aurel Dahlgrün wurde mit dem Ehrenhof-Preis ausgezeichnet. Im Kunstpalast hat er noch einmal seine Installation „19 Weeks Of Water“ aufgebaut, die beim Akademie-Rundgang lange Warteschlangen verursachte.

Noch bevor man den Ausstellungssaal betritt, hört man ein leises Plätschern, das durch den Gang des Museums Kunstpalast hallt. Im lichten Raum selbst stehen dann zwei Wassermühlen, die unermüdlich für Bewegung sorgen. Sie treiben zwei gegenüber an der Wand hängende, überdimensionierte Spiegel an. Im immer gleichen Takt bewegen sich diese langsam zur Wand hin und zurück. Nach einiger Zeit zwischen den beiden Spiegeln nimmt man ein besonderes Gefühl wahr, eine leichte Seekrankheit. Der Raum beginnt leicht zu schwanken, ein Gefühl des stetigen Wankens stellt sich ein. Eben wie auf offener See bei leichtem Wellengang auf einem Boot.

Diesen verblüffenden Effekt hat der Düsseldorfer Künstler Aurel Dahlgrün entwickelt. Als Träger des Ehrenhof-Preises stellt der 29-Jährige gerade in Saal vier des Kunstpalasts zwischen Nazarenern und Neuer Sachlichkeit seine Arbeiten aus. Die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung wird seit 2016 jährlich anlässlich des Akademie-Rundgangs vergeben. Sie gilt als die höchstdotierte Auszeichung für Akademieabsolventen in Deutschland. Mit „Irgendwo im Tiefenrausch“ stellt Aurel Dahlgrün nun seine künstlerische Vision vor.

Schon seit frühester Kindheit ist Aurel Dahlgrün vom Wasser fasziniert. Der gebürtige Berliner wuchs an einem See in Schweden auf, baute selber Aquarien und züchtete Zierfische. Mit 14 Jahren kam eine weitere große Leidenschaft in seinem Leben hinzu, die sein künstlerisches Schaffen immer noch stark beeinflusst und natürlich auch mit Wasser zu tun hat: das Tauchen. Seit einigen Jahren ist Dahlgrün auch ganz puristisch ohne Taucherflasche unterwegs, als Apnoe-Taucher. Bis zu dreieinhalb Minuten kann er ohne zu Atmen unter Wasser bleiben.

Für einige der ausgestellten Fotos ist Dahlgrün unter Wasser getaucht, diesmal wieder mit Sauerstoffflasche. Allerdings sind nicht die tropischen Riffe mit ihren bunten Fischen sein Tauchrevier, sondern der zugefrorene Kaiserteich vor dem K21. Von unten fotografiert ergeben sich abstrakte Muster, die dabei aber immer an eine natürliche Herkunft erinnern. In den Grau- und Blautönen der Ozeane schimmern die vom Eis eingeschlossenen Luftblasen.

Das Besondere an diesen Fotos ist aber nicht ihre Entstehung, sondern das Druckverfahren. Denn was auf den ersten Blick als schwer am Computer nachbearbeitet aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als altmodische Heliogravur. Durch dieses aufwändige Druckverfahren, das bereits in den 1880er Jahren erfunden wurde, entlockt Dahlgrün seinen Fotos wunderbare bläuliche Farbtöne.

Erste Aufmerksamkeit zog der Künstler mit seiner Abschlussarbeit an der Kunstakademie auf sich, für die er auch den Ehrenhof-Preis bekam. Lange Schlangen bildeten sich vor seinem Ausstellungsraum, denn alle wollten „19 weeks of water“ sehen. Drinnen nahm ein tiefschwarzes, glänzendes Rechteck fast den gesamten Raum ein, drumherum konnten gerade noch zwei Personen laufen. Gefüllt war das Becken mit einer dünnen und stark reflektierenden Wasserschicht. Die Flüssigkeit dafür hatte Dahlgrün 19 Wochen lang mit einem Luftentfeuchter gesammelt. So auch jetzt wieder. Die Wassermühlen werden mit aus den Ausstellungsräumen des Kunstpalastes entzogener Flüssigkeit betrieben. Diese technische Komponente macht schließlich das Werk von Dahlgrün so interessant.

Es ist eben nicht nur die körperliche Dimension des Tauchens, durch die er zu seinen Motiven und Ideen kommt, sondern auch eine technische und naturwissenschaftliche. Das rückt Dahlgrün ganz nah heran an den Großmeister Olafur Eliasson, der dank physikalischer Phänomene die Wahrnehmung des Betrachters verschiebt.

Genauso ist Dahlgrüns Spiegel-Installation eine Synthese aus Kunst, Naturphänomen und Wissenschaft. Es ist Kunst, die mit dem körperlichen Empfinden spielt und es verändert. Denn auch nach dem Verlassen des Raumes hält die leichte Seekrankheit noch einige Minuten an.

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