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Düsseldorf: Dylan macht seinen Fans viel Arbeit

Düsseldorf : Dylan macht seinen Fans viel Arbeit

Der Nobelpreisträger wirkte bei seinem Düsseldorfer Konzert unnahbar. Am Ende sang er "Blowin' In The Wind".

Vielleicht kann man den Bob Dylan, dem man auf diesem Konzert begegnete, am besten als Kind beschreiben, als Kind, das völlig versunken ist in sein Spiel. Es nimmt die Umwelt nicht mehr wahr, es probiert Dinge aus und spricht mit sich selbst, und es ist ihm egal, was die anderen denken mögen, die ihm beim Tun zusehen, denn es bekommt ja gar nicht mit, dass andere überhaupt da sind. Manchmal, aber nicht so oft, taucht das Kind aus der Versunkenheit auf und freut sich über die unverhoffte Aufmerksamkeit. Es verhält sich dann anders, etwas zugewandter und offener. Aber wie gesagt: Das kommt selten vor.

Bob Dylan trat in der ausverkauften Mitsubishi Electric Halle auf, und dieser zweistündige Abend war harte Arbeit, für die Musiker bestimmt auch, auf jeden Fall aber für die 5000 Fans im bestuhlten Saal. Ein besonders sympathischer Fan erwartete den Meister übrigens gelassen in einer Konfuzius-Biografie lesend, und im Grunde war er mit der Lektüre bestens präpariert fürs Kommende. Der Nobelpreisträger begann mit seinem Hit "Things Have Changed". Für das Lied aus dem Film "Wonder Boys" hat er ja den Oscar bekommen, und viele dachten nun, dass der Auftritt dem fabelhaften Konzert vor anderthalb Jahren am selben Ort gleichen würde. Die Bühne war ähnlich gestaltet: Sie wirkte wie die verlassene Kulisse einer Hollywood-Revue aus den 40er Jahren. Nostalgie und Gemütlichkeit, schwere Vorhänge, sieben mächtige Strahler.

Der 75-Jährige stand zumeist rechts am Flügel und sang in Richtung Bühne, man sah von ihm also bloß linke Schulter und Rücken. Spätestens bei seinem ersten Ausflug in die Bühnenmitte merkte man dann, dass er tatsächlich einen seiner verschlosseneren Tage hatte. Er trat nie an die Rampe, sondern blieb irgendwo da hinten. Er richtete kein Wort ans Publikum, er verharrte zwischen Schlagzeuger und Kontrabassist, und beinahe rührend war das neue Tanzelement, das er sich ausgedacht hatte: Er stand breitbeinig da, stemmte die linke Hand in die Hüfte und wog den Mikrofonständer in der rechten Hand. Danach machte er ein paar Tippelschritte und zog den Mikrofonständer neben sich her wie ein Patient, der im Krankenhaus am Tropf spazieren geht.

Es gab große Momente, das unglaublich tolle "Love Sick" etwa, auch "Don't Think Twice, It's All Right" und "Desolation Row", dazu die euphorische Version von "Tangled Up In Blue" und Frank Sinatras "Melancholy Mood". Aber zwischendurch gab es eben auch Phasen, in denen Dylan sich aufs Lautmalen und Sprechmurmeln beschränkte, in denen er sich anhörte wie eine kaputte Jukebox, was deshalb besonders schwer wog, weil sein Gesang schmerzhaft weit nach vorne gemischt war. Man würde gerne mal in seinen Kopf blicken, sowieso und ohnehin, aber an diesem Abend besonders. Dann hätte man womöglich erfahren, was zwischen dem zum Heulen schön und honigsüß vorgebrachten "Autumn Leaves" und dem extrem windschief in die Halle gestellten "Long And Wasted Years" in ihm vorgegangen ist.

Dylans Stilprinzip ist die Diffusion, er ist nicht zu fassen, das spürte man an diesem Abend auf Neue. Als Zuhörer muss man den eigenen Standpunkt aufgeben, um ihm folgen zu können, und an den besten Stellen in seinem Werk gelangt man auf seiner Fährte in Regionen, die man alleine nie erreicht hätte. Er ist der Maskenmann des Pop, das verbindet ihn als Künstlerpersönlichkeit mit dem musikalisch ganz anders sozialisierten David Bowie. Bei beiden ging es nie so sehr darum, ob eine neue Platte nun besser war als die davor. Es ging ihnen darum zu beweisen, dass sie weiter arbeiten, weiter denken, dass sie weiter durchbrechen.

Man kam Dylan an diesem Abend denn auch nie wirklich nahe. Zu erleben war ein Drifter, der die Welt auf Abstand hielt. So ließ er seine fünf Musiker an der langen Leine, und sie stürmten mitunter an ihm vorbei. Dieser Auftritt hatte weniger Kontur, er war weniger präzise als der vor anderthalb Jahren.

Vor der Zugabe hasteten viele Fans an die Bühne. Dylan kehrte aus dem Dunkel zurück, das Gesicht verschattet unter der breiten Krempe des weißen Huts. Er spielte eine dekonstruierte Version von "Blowin' In The Wind", die selbst Dylanologen erst am Refrain erkannten. Man weiß nie, welchen Bob Dylan man gerade erlebt. Er wird einem nie vertraut. Das macht das Leben mit ihm so aufregend.

(hols)