Düsseldorfer Schauspielhaus zeigt "Parzival to go"

Theaterpremiere : Der Junge, der ein Ritter werden wollte

Das Düsseldorfer Schauspielhaus begeistert mit seiner neuen Produktion „Parzival to go“ in der Melanchthonkirche.

Parzival ist ein Held, bei dem einem angst und bange werden kann. Er zieht in die Welt hinaus und holt sich mehr als einmal eine blutige Nase, denn auf jedem Berg gibt es eine Burg, in jedem Tal einen Wald, wo Abenteuer auf ihn warten. Parzival allerdings sind Blessuren schnurz, er teilt seinerseits kräftig aus und lässt sich durch nichts von seinem Weg abbringen. Ein Ritter will er werden und Gott finden. Vielleicht wird er am Ende sogar noch ein Christ. Ein Humanist. Ein Guter. Es braucht jedoch Zeit, bis der junge Wüterich das Schwert stillhält und seinen Kopf in spirituelle Wolken steckt. Erst einmal will er haben, haben, haben.

Die Geschichte des Parzival hat Wolfram von Eschenbach zu Beginn des 13. Jahrhunderts aufgeschrieben – 16 Bücher lang und deutlich komplexer als die meisten Dichtungen seiner Zeit. Während andere Schreiber beduselt im siebten Minne-Himmel schweben, durchleuchtet Wolfram von Eschenbach gesellschaftliche Problemstellungen und zeigt die persönlichen Konflikte seiner Helden auf. Regisseur Robert Lehniger hat den Parzival jetzt in einer kompakten und knallbunten Inszenierung als „to go“-Format auf die Bühne gebracht. Nach Goethes „Faust“ und Lessings „Nathan“ ist „Parzival to go“ die dritte mobile Variante eines Klassikers, der dort aufgeführt wird, wo das Publikum ihn sehen möchte.

Die Schauspielhausbelegschaft zog schon in Kirchen, Schulen, Gerichte und in die Justizvollzugsanstalt in Ratingen, um die Strahlkraft des Theaters zu entfalten. Dabei geht es stets um die großen Themen Liebe, Glaube, Moral und Mitmenschlichkeit, die Lehniger in ein neues Gewand hüllt. Mit vollen Händen greift er in die Schatzkiste moderner Effekte und lässt es ordentlich krachen, um ein neues Publikum zu erreichen. An der Frage nach dem Sinn des Lebens kommt es indes nicht vorbei.

„Parzival to go“ hat in der Melanchthonkirche in Düsseldorf-Grafenberg seine Premiere gefeiert. Karten musste niemand kaufen. Wer mochte, gab am Ende der Vorstellung eine Spende. So gut wie alle Plätze sind an diesem Abend besetzt, als es gilt, die Höhen und Tiefen eines Jungen mitzuerleben, der auszog, um ein Ritter zu werden. Parzival lebt mit seiner Mutter zurückgezogen im Wald, bis er entdeckt, dass es hinter der Lichtung eine zweite, eine spannendere Welt gibt. Die Mutter gibt die Symbiose mit dem Sohn nur widerwillig auf und stattet ihn mit allerhand unsinnigen Ratschlägen aus. Wenn er scheitert, so hofft sie, kehrt er zu ihr zurück.

Parzival begegnet seinem neuen Leben wie ein Psychopath. Er kämpft mit einem Holzklotz, wo ein Schwert vonnöten wäre, und mordet, wo man ihm seinen Willen verwehrt. Er kann Gut nicht von Böse unterscheiden und kennt kein Mitgefühl. Parzival ist ein Geschöpf, das die Schöpfung nicht wertzuschätzen weiß. Das macht ihn nicht gerade zum idealen Gralskönig, der er jedoch unbedingt werden möchte. Also eignet er sich die Lebensführung anderer an, weil er glaubt, auf diese Weise sein Heil zu finden. Natürlich geht das schief.

Henning Flüsloh spielt die Titelrolle und gibt einen eindrucksvollen Parzival ab. An dem jungen Helden scheint die Einfalt zunächst zu haften wie Kleister. Im Verlauf der Geschichte legen sich Narzissmus und Zorn darüber, die ihm aus dem Hinterhalt zuflüstern, mit ihrer Hilfe sei die Welt leichter zu erobern. Dieser Parzival ist ein Ekelpaket, das auf die Coach eines Psychiaters gehört. Aber auch Flüsloh weiß, was zu tun ist. Vorsichtig trägt er den Seelenballast dieses Rowdys ab, Schicht um Schicht, bis unverhofft ein Mensch im Kirchenraum steht.

Merlin, der kluge Zauberer mit besten Absichten, jedoch nicht zimperlich, wo eine Lektion nottut, steht Parzival als Geburtshelfer zur Seite. Die Figur des Merlin hat der Dramatiker Tankred Dorst seiner Version des Parzivals hinzugefügt. Dorsts Stück diente Regisseur Robert Lehniger als Vorlage für eine Inszenierung, die keinen Heilsbringer preist, sondern die Menschlichkeit. Ritterliche Derbheiten übersetzt der Regisseur geschickt in den Trash des 21. Jahrhunderts, weswegen hier und da Köpfe oder andere Körperteile rollen, was lustig ist, auch wenn es nicht danach klingt.

Am Ende der knapp zweistündigen Vorstellung gibt es viel Applaus und einige Begeisterungsrufe.