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Düsseldorfer Musiker Sebastian Gahler über sein Corona-Jahr

Gastbeitrag Sebastian Gahler : Düsseldorf sehnt sich nach Live-Musik

Kunst ohne Publikum? Das nervt. Pianist und Komponist Sebastian Gahler über Geisterkonzerte, Warnblink-Applaus und musikalischen Schichtbetrieb im Corona-Jahr 2020.

Grundsätzlich bin ich Optimist. Ich versuche, positiv in die Zukunft zu blicken. Zunehmend fällt das jedoch schwerer. Ich merke, wie mich dieses Corona-Jahr immer stärker zermürbt und sehe, dass es vielen meiner Musiker-Kollegen und -Kolleginnen genauso geht. Zusammen mit der Event-Branche trifft uns im Grunde ein komplettes Berufsverbot. Meine Bilanz des Jahres ist katastrophal: So gut wie alle Aufritte sind weggebrochen. Die heiße Phase mit vielen Engagements ist für mich üblicherweise der Herbst. Doch da war schon wieder Lockdown. Im Sommer gab es den einen oder anderen Lichtblick. Rückblickend war es jedoch nur ein kurzes Aufflackern. Normalerweise kommt in dieser Zeit viel rein an Aufträgen und Konzerten für das nächste Jahr. Nicht so 2020: Viele aus dem Frühjahr ins Folgejahr verschobene Veranstaltungen stehen auf der Kippe oder sind bereits abgesagt. Wie schnell die Impfungen und Corona-Maßnahmen 2021 Besserung bringen werden, bleibt fraglich. Dann beginnt das Verschieben und Vertrösten wieder von vorne.

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Doch wenn irgendwann nach vielen Monaten des Verzichts endlich wieder Veranstaltungen möglich sind, dann werden die Leute nach Live-Erlebnissen dürsten. Ich habe diesen Sommer bereits gemerkt, wie froh viele waren, wieder etwas zu erleben. So zum Beispiel bei den zwei Konzerten meiner Reihe Funky Vibes im KIT. Geisterkonzerte vor leeren Sälen können zwar live übertragen werden – so haben wir es in der Jazzschmiede im ersten Lockdown gemacht – doch ist dieses Streaming nur ein bedingter Ersatz. Live-Musik ist ein soziales Ereignis, das Publikum spielt bei Konzerten einfach eine große Rolle. Social Distancing ist im Musikbetrieb genauso spürbar, wie zwischen Freunden und Familie.

Zunächst sind noch mit viel Elan neue Veranstaltungskonzepte erdacht worden: Die Jazz Rally wurde ins Autokino verlegt, und die Besucher zeigten ihren Beifall über Warnblinkanlage und Handy-App. Hinterhöfe wurden zu Bühnen und Balkone zu Publikumsrängen. Jazz im Hofgarten fand dieses Jahr im kleineren Malkasten-Park statt, wo wir im Schichtbetrieb dreimal die gleichen Konzerte gespielt haben – jedes Mal vor neuem Publikum. Eine ähnliche Idee wurde mit den Face-2-Face-Konzerten beim Düsseldorf Festival realisiert: In gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre genossen jeweils nur zwei Besucher ein Privatkonzert. Wir Musiker spielten je sechs bis sieben Runden. Das sind allesamt schöne Ideen für die Ausnahmesituation. Aber auf Dauer sind Konzerte auf Distanz um einiges aufwändiger, erreichen dabei aber weniger Publikum.

Was wird in einem Jahr sein? Wir stehen hoffentlich wieder auf der Bühne. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass das im Herbst 2021 wieder geht. Vielleicht auch dank besserer Konzepte seitens der Politik. Viele Konzerthäuser, Clubs und Theater haben dieses Jahr Geld in die Hand genommen, etwa für Filteranlagen. Es ist hart, dass Kulturinstitutionen mit guten Hygienekonzepten schließen müssen, während sich die Leute in Einkaufszentren dicht an dicht die Beine in den Bauch stehen. Das ist ein Schlag ins Gesicht für uns alle.

Solange findet Kunst hinter verschlossenen Türen statt. Bei allem Frust gilt es, die Zeit so kreativ zu nutzen, wie möglich. Für mich bedeutet das, viel zu üben und an meinem Electric Project zu arbeiten, mit dem ich im kommenden Jahr ins Studio gehen möchte. Hoffentlich können wir Künstler bald wieder für das Düsseldorfer Publikum spielen. Live-Musik bleibt eine Energiequelle – für beide Seiten.