Schauspielhaus: Einsame Menschen: Düsseldorf zeigt Hauptmann

Schauspielhaus: Einsame Menschen : Düsseldorf zeigt Hauptmann

Ja, es ist hübsch im Haus am See. Johannes kann seinen Studien nachgehen, morgens schon eine Runde rudern. Seine Frau kümmert sich um das kleine Kind, Großmutter ist auch da, hat den Haushalt fest im Griff. So lebt die sorgenfreie Familie. Nur ist die Idylle am See auf Sand gebaut. Johannes ist ein verzogener Egozentriker, der sich in Arbeiten verbohrt, die seine Familie nicht interessieren. Da muss nur diese unscheinbare Anna am See vorbeiwaten, das wissenschaftliche Geschreibsel des Hausherrn mal anerkennend durchblättern, schon ist ihr Johannes verfallen.

"Einsame Menschen" — daraus besteht in Gerhart Hauptmanns Drama die glückliche Familie am See. Ein wenig Gift nur muss er in die Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft spritzen, schon zersetzt sich das empfindliche Gebilde. Und weil gerade wieder Zeiten sind, da Menschen aus der rauen Wirklichkeit fliehen und sich in der Familie verpuppen, klopft die Kunst misstrauisch an die Stützkonstruktionen hinter den bürgerlichen Fassaden.

Jetzt also Nora Schlöcker, neue Hausregisseurin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Sie hat sich für ihre gut zweieinhalb Stunden lange Inszenierung ein schwarzes Riesenwasserbecken auf die große Bühne bauen lassen. Da können die Darsteller planschen gehen, schließlich war Hauptmann einer der Begründer des Naturalismus, so viel Spaß muss sein. Am Ufer dieses Sees lässt Schlocker mit durchweg sehr guten Schauspielern die Kleinfamilie zerbröseln. Sie tut das schlicht und präzise, allein, dass es so kommt, ist nach wenigen Minuten klar. Was in Hauptmanns Tagen noch eine kühne Geschichte war, wurde seither so unzählige Male durchgespielt, dass man die arg plakativen Hauptmann-Figuren nur einmal versammeln muss, schon sind die Verhältnisse klar. Der Rest ist Vollzug.

So wird man den Eindruck nicht los, dass dieses Stück im 19. Jahrhundert verhaftet bleibt. Die Zeiten sind komplexer geworden, die Rollen im Modell Familie auch. Dass Frauen studieren gehen, ist heute selbst Großmüttern kein "Aha" mehr wert, und Männer wie Johannes müssen sich zwischen Selbstverwirklichung und Familie nicht mehr entscheiden — von ihnen wird längst beides erwartet, das ist heute das Problem. Gestrig wirkt auch die Langatmigkeit dieses Drama, der Schlocker nicht zu Leibe gerückt ist.

Dass man der Geschichte trotzdem folgen mag, liegt an den Schauspielern: Ingo Tomi spielt den Johannes überzeugend als selbstverliebten, launischen, sensiblen Nerd. Zwar übertreibt er es ein wenig mit den pubertären Gesten, doch hält er die Spannung in seiner Entwicklung vom gehätschelten Familienvater zu einem, der alle Bande abstreift und furchtbar einsam zurückbleibt. Xenia Noetzelmann spielt ihre wenig zeitgemäße Rolle als Johannes schüchterne Gattin überraschend modern. Bettina Kerl als Anna ist ein defensiver Familieneindringling, und Anna Kubin spielt mit Friederike Bellstedt ein Dienerinnenpaar, das die Vorgänge im Hause Vockerat wie zwei verstummte Chorsänger seltsam unheimlich beobachtet.

Souverän ist Tina Engels Darstellung der harten, selbstsicheren, alten Frau Vockerat, die ihren Johannes betüddelt, um ihn im Griff zu haben. Wie sie am Ende in Selbstmitleid zerfließt, als ihre schöne Familienwelt zerbricht, das ist ein Höhepunkt dieser Inszenierung.

(RP)
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