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Düsseldorf: Was sagt Johann Wolfgang von Goethe zum Coronavirus

Fiktives Interview : „Wir müssen jetzt sachte gehen“

Was hätte Johann Wolfgang von Goethe wohl über die Zeit der Coronavirus-Pandemie zu sagen gehabt? Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Steingießer hat Quellen befragt und Antworten gesammelt.

Die Pandemie hat Menschen in einen Ausnahmezustand versetzt, der für alle neu ist. Doch über Seuchen und sogar Impfungen, die es auch um 1800 schon gab, machte sich bereits Johann Wolfgang von Goethe Gedanken. Schaut man in sein Werk, wird deutlich, wie modern die Ansichten des Universalgelehrten waren, und wie gut er Probleme der Gegenwart verstehen würde. Die Antworten dieses fiktiven Interviews sind aus Zitaten aus seinen Werken, Briefen und Gesprächen zusammengesetzt. Sie beziehen sich zum größten Teil auf medizinische Zusammenhänge, aber nicht ausnahmslos. Daher ist das „Interview“ nicht immer ganz ernst gemeint.

Herr Geheimrat, was möchten Sie in diesen Zeiten den Lesern besonders ans Herz legen?

Johann Wolfgang von GOETHE Es gibt Tugenden, die man, wie die Gesundheit, nicht eher schätzt, als bis man sie vermisst; von denen nicht eher die Rede ist, als wo sie fehlen; die man stillschweigend voraussetzt.

Gegenwärtig scheinen Virologen mehr Aufmerksamkeit zu bekommen als Künstler – zu Recht?

GOETHE Ja. Man braucht nicht bloß Gedichte und Schauspiele zu machen, um produktiv zu sein, es gibt auch eine Produktivität der Taten, und die in manchen Fällen noch um ein Bedeutendes höher steht. Selbst der Arzt muss produktiv sein, wenn er wahrhaft heilen will.

Sie selbst sind nicht nur Dichter, sondern auch Naturwissenschaftler. Welchen Einblick konnten Sie in das Fach Medizin gewinnen?

GOETHE Halten Sie einmal einen Umgang an der Seite eines Arztes, und er wird Ihnen Geschichten zuflüstern, dass Sie über das Elend erschrecken und über die Gebrechen erstaunen, von denen die menschliche Natur heimgesucht ist und an denen die Gesellschaft leidet.

Die Corona-Pandemie breitete sich schneller aus als erwartet…

GOETHE Es ist die höchste Zeit, den Jammer dieser Seuche laut auszusprechen, wenn man auch nicht sogleich sieht, wo die Heilung herkommen soll. Das asiatische Ungeheuer entfaltete immer mehr Hälse, Köpfe und Rachen, je näher es heranrückte, man machte, was ich sehr billige, fürchterliche Anstalten dagegen, um die Furcht zu balancieren.

Folgen auch Sie der Empfehlung, zu Hause zu bleiben?

GOETHE Alle Herrschaften müssen heute zu Hause bleiben. Es ist nicht genug, dass man von außen gedrängt wird, man hat auch noch mit innerlichen Zufällen zu kämpfen. In der totalen Einsamkeit, in der ich lebe, wird es doch zuletzt ganz schrecklich. Dass ich mich so wohl als möglich befinde, ist das größte Glück. Auch meine Arbeit habe ich trotz aller Hindernisse weit genug gebracht.Sie kümmern sich gerade um virtuelle Angebote der Bibliotheken, richtig?GOETHE Wir haben ihrer viere, welche dem Platz nach wohl immer getrennt bleiben werden, deren virtuale Vereinigung aber man wünscht.

Wozu raten Sie, um sich vor Ansteckung mit COVID-19 zu schützen?

GOETHE Durchaus ist die größte Reinlichkeit aufs Neue empfohlen. Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal. Und wenn er ganz gewaltig niest, wer weiß, was dann daher entsprießt.Sie haben schon vor über 200 Jahren für das von Ihnen geleitete Weimarer Theater eine Art Nies-Etikette durchgesetzt.

Wie lautete damals die Regel?

GOETHE Der Schauspieler lasse kein Schnupftuch auf dem Theater sehen, noch weniger schnaube er die Nase, noch weniger spucke er aus.

Was können die Städte zum Schutz ihrer Bürger tun?

GOETHE Mein Vorschlag wäre dahero, Sie beredeten mit irgendeinem Handelsmann, dass er in einer Ecke einen kleinen Laden aufschlüge, wo man Gesichtsmasken, Handschuhe oder sonstige Überwürfe haben könnte.

Was halten Sie von Impfungen?

GOETHE Es bedarf keiner weitumsichtigen Seelenkenntnis, um zu wissen, dass wenn man dem hilfsbedürftigen Menschen irgendeine neue Arznei oder sonstiges Heilmittel anbietet, solche sogleich als universell angesprochen werden, dass aber sodann, wenn sich einige Ausnahmen hervortun, Unglaube und Widerspruchsgeist alsobald Platz gewinnen. So ging es früher mit Einimpfung der Blattern; jetzt sehen wir die Vaccination mit gleichem Schicksale bedroht. Die Lockerungen nach dem Herunterfahren der Wirtschaft werden gegenwärtig lebhaft diskutiert.

Wie stehen Sie dazu?

GOETHE Die Einschränkungen, die der Augenblick gebietet, hat man von dieser Seite angefangen und dadurch mehrere gute Leute missmutig gemacht. Wir müssen jetzt äußerst sachte gehen, um uns den Handel nicht zu verderben. Und doch bin ich immer dafür, strenge auf ein Gesetz zu halten, zumal in einer Zeit wie die jetzige, wo man aus Schwäche und übertriebener Liberalität überall mehr nachgibt als billig. Was nützte mir der ganzen Erde Geld? Kein kranker Mensch genießt die Welt.

Wie schätzen Sie die Zukunft ein?

GOETHE Möge die alles heilende Zeit aus dieser traurigen Krise das Beste hervorbringen. Wenn die Hoffnungen sich verwirklichen, dass die Menschen sich mit allen ihren Kräften, mit Herz und Geist, mit Verstand und Liebe vereinigen und voneinander Kenntnis nehmen, so wird sich ereignen, woran jetzt noch kein Mensch denken kann.