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Düsseldorf: Theaterstück "Ein Volkskanzler" beim Asphalt-Festival

Abschluss des Asphalt-Festivals : Wenn die Demokratie sich selbst abschafft

Mit dem starken Solo-Abend „Ein Volkskanzler“ mit Ruth Marie Kröger ist am Wochenende das Asphalt-Festival zu Ende gegangen. Die Schauspielerin schafft es, die institutionellen Zusammenhänge der Demokratie kritisch vor Augen zu führen.

Es ist ein Gedankenspiel, eine hypothetische Überlegung, ein Szenario, das die Frau in den schlichten Alltagskleidern auf der Bühne entwickelt. „Angenommen“, sagt sie. Angenommen, in Deutschland beträte ein frischer, smarter Typ das politische Parkett. Einer, der nicht nach Parteienmief müffelt, der wie aus dem Nichts kommt, mit populären Ideen und dem Willen, sie durchzusetzen. Kein plumper Populist, sondern einer, der sich erst mal versöhnlich gibt. Dieser Jemand an der Spitze einer neuen Bewegung  wird Kanzler mit absoluter Mehrheit und beginnt ein Projekt, dessen Ziel er niemals benennt: den Umbau des politischen Systems in Deutschland, die Abschaffung der Demokratie mit demokratischen Mitteln.

Der Jurist und Schriftsteller Maximilian Steinbeis, der sich unter anderem in seinem Blog „verfassungsblog.de“ mit demokratietheoretischen Fragen beschäftigt, schrieb vor einem Jahr einen Text, in dem er durchspielt, wie leicht demokratische Prinzipien – wie die Gewaltenteilung – in Deutschland auszuhebeln wären. Er musste die Verfahren nicht erfinden, ein Blick in Nachbarländer wie Polen und Ungarn genügte, um die Mechanismen zu erkennen, mit denen auch das deutsche System zu knacken wäre.

Steinbeis’ Text erregte jedenfalls allerhand Aufmerksamkeit, was wohl auch damit zu tun hat, dass der Weg in die Autokratie, den Steinbeis da zeichnet, erschreckend glatt erscheint. Der „Volkskanzler“, den er entwirft, muss keinen Putsch anzetteln, keine physische Gewalt ausüben. Er beginnt mit einem scheinbar harmlosen Schachzug und richtet am  Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe einen zusätzlichen Senat ein. Dieser Senat hätte allein die Aufgabe, Fragen zur Staatsorganisation zu entscheiden und stünde aufgrund geschickter Abstimmungsverfahren unter direktem Einfluss der Regierung. Damit wäre der Schlüssel gefunden, um all die Sicherungsmechanismen des deutschen demokratischen Systems auszuschalten. Etwa das Recht des Bundespräsidenten, seine Unterschrift unter neuen Gesetzen zu verweigern – und am Ende die Verfassung selbst.

Es ist ein komplexer Text, den Maximilian Steinbeis mit „Ein Volkskanzler“ vorlegt, denn es geht darin um Demokratietheorie, staatliche Instanzen, politische Winkelzüge. Doch ist der Text eben nicht abstrakt, sondern spielt mit gespenstischer Leichtigkeit und eleganter Logik an einem Beispiel durch, was möglich wäre. Darum eignet sich dieser Text für die Bühne, wenn es auch eine Herausforderung bleibt, die juristischen Abläufe lebendig vorzutragen.

Der Hamburger Schauspielerin Ruth Marie Kröger gelingt das. Ohne irgendwelche Requisiten oder Veranschauungsmittel schafft sie es, ganz im gesprochenen Wort zu sein, den Text im Moment des Sprechens selbst zu denken und damit verständlich werden zu lassen. Sie steht einfach auf der kleinen Bühne, die das Asphalt-Fesitval in diesem Jahr in den Schwanenspiegelt gebaut hat, steht da in dieser städtischen Idylle und spricht. Ein paar Mal wendet sie sich zum Wasser, als denke sie nach. Dann wird mal ein Lied eingespielt, „Under My Thumb“ von den Stones zum Beispiel, mehr Beiwerk hielt Regisseur Helge Schmidt nicht für nötig.

Und tatsächlich kann man Kröger ohne Anstrengung folgen, und die 40 Minuten dieser Demokratie-Performance vergehen wie im Flug. Angenommen, sagt Kröger immer wieder, angemonnen, angenommen – und die süffisante Art, wie sie dieses Wort spricht, verrät, dass es eben nicht weit hergeholt ist, was sie da beschreibt. Demokratie ist nie erreicht, sie muss denen, die in Freiheit leben, kostbar sein, damit sie nicht in Gefahr gerät. Das ist keine neue Erkenntnis, doch an diesem Abend erfährt sie Dringlichkeit. Es braucht besonnene Politiker, integre Richter und eine wache Öffentlichkeit, um eine etablierte Demokratie nicht zu gefährden – vor allem aber das: Wähler, die wissen, was sie an ihrem System haben und sich nichts vormachen lassen.

Ruht Marie Kröger und Regisseur Helge Schmidt waren schon einmal bei Asphalt zu Gast. Damals in etwas größerer Besetzung mit dem investigativen Stück zum gewaltigen Finanzbetrug um die „Cum Ex“-Papiere. Die beiden Abende sind im Aufwand nicht zu vergleichen, doch geht es in beiden um Spielregeln unseres Zusammenlebens, ohne die kein Rechtsstaat zu machen ist.

Die Sonderausgabe des Asphalt-Festivals auf dem See am Graf-Adolf-Platz ist mit der Uraufführung von „Ein Volkskanzler“ und weiteren Konzerten und Familienvorstellungen am Wochenende zu Ende gegangen. Mit starken, kleinen Formaten auf der Seebühne ist es dem Festival gelungen, seinen Geist auch in der Corona-Zeit in die Stadt zu tragen, nämlich Kunst Raum zu verschaffen, die ein Anliegen hat und Menschen anregt, sich mit ihrer Gegenwart auseinanderzusetzen. Es gibt ein Mittel gegen „Volkskanzler“: Aufklärung.