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Düsseldorf: Rapper Neopren begeistert an der Werner-von-Siemens-Realschule

Gewünschter Unterrichtsausfall : Ein Rapper platzt in die Deutschstunde

Künstler in Klassenräumen: Die „Poesiepause“ ist ein Angebot des Zakk – Lehrer und Schüler sind begeistert.

Dienstag, 11 Uhr, Deutschstunde in der 9c der Werner-von-Siemens-Realschule: Im Lehrbuch ist das Kapitel „Szenische Lesung“ aufgeschlagen. Tschick, der Jugendroman von Wolfgang Herrndorf, liegt auf den Tischen. Plötzlich fliegt die Tür auf und Neopren fegt herein – helle Hose, dunkelblaues Hemd, schwarze Zipjacke. Er positioniert sich vor der Klasse, zupft seinen Kragen zurecht und legt los. Der Rapper hat höchstens zehn Minuten, um die Schüler auf Touren zu bringen. „Seid ihr mit mir? Hände hoch, das ist ein Konzert, meine Damen und Herren.“ Und dann singt er von der Sonne, bei der er sich bedanken möchte, feiert den Energieträger ATP und spürt „endlich wieder diese energy“, denn „immer, wenn die Sonne so scheint, hey, dann bin ich gut gelaunt und dann mach’ ich einen auf Hawaii“. Die Jugendlichen brauchen einen Moment. Der da vorne macht ausgerechnet in der Schule die Musik, die sie schätzen, weil sie in Frage stellt, was auch sie in Frage stellen.

Seit den Herbstferien platzen Künstler einmal pro Woche in ihren Unterricht hinein und übernehmen das Kommando. Es sind Poetry Slammer, Schauspieler, Dichter, Kabarettisten oder Rapper, die symbolisch eine Republik des freien Assoziierens ausrufen. Sie tragen ihre Texte vor und sind wieder weg, sobald die Jugendlichen ihr Poesiebuch zur Hand nehmen. Stiekum notieren sie ihre Gedankenflüge und teilen sie nur, wenn sie wollen.

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Initiator der „Poesiepause“ ist das Zakk. Vor dreieinhalb Jahren bot die Kultureinrichtung allen weiterführenden Schulen in Düsseldorf den ungewöhnlichen Klassenbesuch an. Die Resonanz war deprimierend – nur eine Lehrerin bekundete Interesse. Christine Brinkmann, beim Zakk verantwortlich für das Programm Wort und Bühne, und ihre Kollegen gaben sich jedoch nicht geschlagen und hakten bei den Schulen nach. Mittlerweile ist die Nachfrage riesig. Zunehmend melden sich auch Lehrer aus anderen Städten. Schüler rufen beim Zakk an, weil sie von Freunden hören, dass die kurzweiligen Performances wirklich Spaß machen und nicht bloß billig errungenen Unterrichtsausfall bedeuten. Die Lehrerin, die damals auf die Rundmail des Zakk reagierte, war Sabine Köster. Goldrichtig sei das gewesen. „Es ist wunderbar, dass wir diese Vielfalt an Künstlern erleben dürfen“, sagt sie. „Und selbst wenn die Schüler nicht zum Selberschreiben angeregt werden, so ändern die Begegnungen doch die Rezeption von Kunst und Kultur.“

Zwei Songs rappt Neopren. Irgendwann haben fast alle Schüler die Arme oben und folgen dem Refrain des zweiten Stücks. „Hau mir ab mit Pumpernickel, dieses tiergerechte Futtermittel.“ Er schaltet die instrumentale Einspielung in seinem Handy aus. Noch Fragen? „Sind Sie Rapper?“ Ja, bin ich. „Verdienen Sie damit Geld?“ Ja, auch das. Neopren schreibt noch seinen Namen an die Tafel und schon fällt die Tür hinter ihm ins Schloss. „War cool.“ Eine Zugabe verlangt die 9c nicht. „Die Texte oder Performances müssen den Schülern nicht gefallen. Aber es wäre toll, wenn sie für sich selbst erschließen würden, was sie daran nicht mochten“, sagt Christine Brinkmann.

Alek aus der 9b, wo Neopren heute auch zu Gast ist und über wahre Freunde singt, hört konzentriert zu. „Wir sind viel in den Sozialen Medien unterwegs. Klar, dass zwischenmenschliche Beziehungen für uns ein Thema sind. Bei der nächsten Freundschaftsanfrage auf Instagram denkt man vielleicht länger darüber nach, ob man sie annimmt.“ Alek schreibt Gedichte und tauscht sich inzwischen mit einer Mitschülerin über seine Notizen während der Poesiepause aus. Zwei andere Schüler baten Neopren nach einem Besuch und einem Workshop im Zakk, einen angefangenen Song zu vollenden. Am Ende standen sie im Vorprogramm des Edelweißpiraten-Festivals auf der Bühne.

Ihm habe als Junge ein solcher „support“ gefehlt, sagt Neopren. „Ich war erst auf der Hauptschule. Weil meine Eltern diesen Schulabschluss jedoch nicht akzeptieren wollten, haben sie mich in ein Internat geschickt.“ Dort habe er gelernt, seinen Charakter zu festigen. Er machte schließlich sein Abitur, studierte in Düsseldorf Biologie und promovierte. „Aber die Strukturen in den Wissenschaftsbetrieben oder der Schule sind einfach nicht mein Ding. Ich bin Künstler und will es sein.“ Selbstbewusstsein und Motivation hätten ihn zu dieser Erkenntnis getragen, was er nur zu gerne an die Schüler weitergebe.